BücherMarc Elsberg: „Die Coronapandemie hat kein Thriller-Potenzial“

Thriller-Autor Marc ElsbergIMAGO / SKATA


Der gebürtige Wiener Marc Elsberg machte in der Werbung Karriere und war Zeitungskolumnist, ehe ihm mit seinen Science-Thrillern der internationale Durchbruch als Schriftsteller gelang. Bisher erschienen die Titel „Blackout“, „Zero“, „Helix“ und „Gier“. Das neue Buch „Der Fall des Präsidenten“ beschäftigt sich mit der Frage, was passiert, wenn ein US-Regent vor dem Strafgerichtshof in Den Haag angeklagt wird. Eine Leseprobe finden Sie hier.


Marc Elsberg, ein Autor, der die Realität als Impetus für literarische Worst-Case-Szenarien nutzt, schreibt bei einer echten Pandemie doch sofort mit, oder? Wann kommt Ihr Corona-Thriller?

Gar nicht, obwohl ich das schon nach „Blackout“ immer mal wieder von meinem Verlag und Agent gefragt wurde. Damals wie heut muss ich sagen, dass ich das Thema für auserzählt halte. Spätestens seit den 1990er-Jahren. Ich meine damit Bestseller wie „Hot Zone“ von Richard Preston über den Ebola-Ausbruch oder „Cobra“ vom selben Verfasser, „Der Andromeda-Stamm“ von Michael Crichton und natürlich Kinohits wie „Outbreak – Lautlose Killer“, „28 Days Later“ und „Contagion“. Oder nehmen Sie die allermeisten Zombie-Geschichten, an deren Anfang oft ein Virus steht, das den gruseligen Untoten-Zustand auslöst. Was sollte ich da Neues erzählen? Wenn man sich dann den bisherigen Pandemie-Verlauf anschaut, der hat nicht wirklich großes Thriller-Potenzial. Zu viel Warterei im Lockdown, darauf, dass es endlich vorbei ist. In welches Genre würde das passen, als Einschlafhilfe?

Trotzdem wurden Sie in den letzten Monaten hier und da zur Coronakrise befragt. Ist das ein wenig wie bei Klausjürgen Wussow, von dem auch Leute auf der Straße gern eine kurze Diagnose für ihr Leiden haben wollten, quasi das „Dr. Brinkmann“-Syndrom?

Ja, solche Anfragen gab und gibt es tatsächlich. Was sicher an meinem Buch „Blackout“ liegt, wo es um das rasante Zerfallen gewisser Gesellschaftsstrukturen geht. Etwas, das wir in abgeschwächter und verlangsamter Form auch derzeit in Ansätzen erleben. Nicht bei der Grundversorgung glücklicherweise, die Lieferketten waren nur vorübergehend problembehaftet. Aber zu solchen und anderen Technologie- und Zukunftsthemen lädt man mich seitens der Wissenschaft und Politik immer mal für Vorträge und Diskussionsrunden ein. Als Stimme von außen.

„Der Fall des Präsidenten“: das neue Buch von Marc Elsberg

Beim Titel Ihres neuen Buches „Der Fall des Präsidenten“ könnte man spontan denken: Da hat einer in Windeseile eine Story rund um Donald Trumps Zeit im Weißen Haus, die zwei Amtsenthebungsverfahren und den finalen Sturm auf das Kapitol ausgetüftelt. Doch die Verfehlungen Ihres fiktiven Regenten sind anderer Natur.

Ja. Die Verbrechen, die mein Ex-Präsident begangen hat, stammen aus dem Kampf gegen den Terror: Drohnenschläge, nächtliche Black-OPs, Night Raids … Ebenfalls wichtig ist der Krieg in Jugoslawien, als Hintergrund einer der Hauptfiguren, die Anklägerin am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ist. Was damals geschah, etwa das völkerrechtswidrige Nato-Bombardement serbischer Einheiten in Bosnien, bildet quasi die Grundreferenz für die Story und eben auch in der Wirklichkeit. Ohne Jugoslawien-Konflikt als Präzedenz womöglich kein Einmarsch in den Irak, auf der Krim, keine Drohnenangriffe in Afghanistan.

Was hat Sie an diesem Stoff besonders gereizt?

Ich bin alt genug, dass mich das schon lange beschäftigen kann, besonders aber seit den Anschlägen in New York am 11. September. Wahnsinn, dass sich die jetzt bereits zum 20. Mal jähren! Danach haben vor allem die USA in einem Maß damit begonnen, ihre eigenen Werte ad absurdum zu führen, dass ich wusste, daraus irgendwann mal einen Thriller machen zu müssen. Die Meta-Ebene ist der äußerst ambivalente Umgang des Westens mit seinen moralischen und demokratischen Grundprinzipien. Ich war außerdem überrascht, dass es so gut wie keine Bücher zu diesem Komplex gibt, die das ganze über einen Prozess in Den Haag thematisieren. Und ganz nebenbei hatte ich natürlich beim Schreiben in den letzten vier Jahren besonders große Lust, den US-Präsidenten einmal hinter Gitter zu bringen.

Oft sind beim juristischen Vorgehen gegen Staatenlenker und Wirtschaftsbosse rein symbolische Akte und Appelle fast schon das höchste der Gefühle. Ist diese Folgenlosigkeit nicht ein Problem für unser Verständnis von Gerechtigkeit?

Ich glaube durchaus, dass wir bei unseren Eliten ein Problem mit der Übernahme von Verantwortung haben. Wobei hier in Österreich ja kürzlich immerhin ein ehemaliger Finanzminister in erster Instanz zu acht Jahren Haft wegen Korruption verurteilt wurde. Vereinzelt gibt es also durchaus Fälle mit rechtlicher Konsequenz. Das passiert aber, wie Sie sagten, eher selten. Das zeigt das BER-Desaster ebenso gut wie der VW-Dieselskandal – in beiden Fällen werden wir vermutlich keinen führenden Verantwortlichen in Haft oder mit Strafzahlungen erleben. Was ich im Buch zu zeigen versuche, ist, wie schwierig solche Ermittlungen und Verfahren sind, und wie oft am Schluss die Einzelfallabwägung eines Gerichtes steht.

Sie haben sich in Ihren bisherigen Büchern mit desaströsen Stromausfällen beschäftigt, mit Genexperimenten, der Diktatur der Daten, mit finanzieller Ungleichheit. Kriegt man da bei der Recherche ein mulmiges Gefühl und denkt: „Wenn die Leute bloß wüssten ..“?

Für mich geht es weniger um Ängste als mein Interesse an einem bestimmten Sachverhalt, oft dadurch befeuert, dass ich bei der Recherche auf überraschende Dinge stoße, die meine Neugier weiter steigern. Was ich zusammentrage, versuche ich dann in eine spannende Erzählung zu übertragen und möglichst viele Leser auf meine Entdeckungsreise in die Materie mitzunehmen. Das ist sicher so ähnlich wie für Sie als Journalist. Wichtig ist mir dabei, das ganze Bild zu zeigen. Im Fall von „Blackout“ eben nicht bloß eine Katastrophe, sondern eben auch die Überlegungen, wie unser extrem vernetztes, angreifbares (Energie-)System vielleicht widerstandsfähiger werden könnte.

In Ihrem Wirtschaftsthriller „Gier“ verweben Sie mit der Handlung eine komplexe Theorie für universellen Wohlstand, eine Rolle dabei spielt Ergodizität. An der Weiterentwicklung ist ein Mitabiturient von mir beteiligt, Ole Peters vom London Mathematical Laboratory, der Sie auch bei Ihren Nachforschungen unterstützt hat. Können Sie die wichtigsten Annahmen kurz skizzieren?

„Gier“ von Marc Elsberg
„Gier“ von Marc Elsberg

Schon als ich über die Arbeiten von Ole Peters und seinen Kollegen gestolpert bin, wusste ich, der Name Ergodizität ist ein Problem. Was für ein Zungenbrecher, noch dazu kaum in Kürze und populärwissenschaftlich zu umreißen. Insofern war „Gier“ für mich zugleich die bisher größte inhaltliche Herausforderung und Befriedigung. Unter anderem geht es darum, dass die Art und Weise, wie wir in der Wirtschaft Durchschnitte berechnen, mit konzeptionellen Fehlern behaftet ist. Und das führt zu einer ganzen Reihe falscher Schlussfolgerungen – von der Nutzenfunktion über die Einschätzung von Versicherungsrisiken bis zur Frage der Diskontierung. Im Grunde, hat mir Ole in unseren vielen langen Diskussionen gesagt, müsste man die gesamte Ökonomik neu erfinden. Soweit würde ich persönlich nicht gehen. Aber, dass vieles, was wir als bewiesen annehmen, eine andere Betrachtung verdient, da stimme ich ihm zu.

Es geht bei alledem auch um Teilhabe und Kooperation, oder?

Genau. Das Konzept verdeutlicht, dass die Zusammenarbeit von wirtschaftlichen Akteuren, ein Pooling & Sharing, viel ertragreicher ist und zu mehr Wachstum führt als purer, harter Wettbewerb. Das ist letztlich ähnlich wie beim Portfolio-Management in der Finanzindustrie. Zur Illustration haben wir das auf der Website farmersfable.org veranschaulicht, mit deren Hilfe übrigens inzwischen viele Unternehmensberater ihren Kunden diesen Umstand näherbringen.

Ein anderes Paradoxon in der aktuellen Situation: Während der Lockdown Branchen wie Einzelhandel, Gastronomie und die Kultur in ärgste Bedrängnis bringt, knallen an der Wall Street weiter die Korken. Das schreit geradezu nach dem Buch „Gier 2: Jetzt noch gieriger“

Die wichtigste Begründung lieferte „Gier“ eigentlich bereits. Nämlich unser Unvermögen, den gemeinsam erarbeiteten Wohlstand für alle chancensteigernd zu verteilen. So einfach und kompliziert ist das. Wenn man nicht aktiv gegensteuert, dann sorgt die Eigendynamik unseres Wirtschaftssystems dafür, dass sich die Vermögen bei einer sehr kleinen Bevölkerungsgruppe auftürmen. Wichtige Stichworte sind hier sicherlich „Neoliberalismus“ – in der Bedeutung, wie der Begriff heute verwendet wird – und die „Chicagoer Schule“. Das beschleunigt sich in der Pandemie noch weiter. Denn die gigantischen Geldmengen, welche die Zentralbanken in Umlauf bringen, kommen weitgehend nicht dort an, wo der Bedarf objektiv besonders groß ist, sondern bei einer reichen Minderheit, die damit jetzt Aktien- und Immobilienmärkte sowie Kryptowährungen inflationiert. Solange es die Nationalstaaten nicht schaffen, die Verteilung besser zu organisieren, wird sich die Entwicklung weiter zuspitzen. Die Lösungsansätze sind in meinen Augen ebenso klar und bekannt: progressive vermögensbezogene Steuern, Erbschaftsteuern und die Erhöhung des Mindestlohns.

Wo wir gerade beim Thema sind: Hätten Sie in Gamestop investiert?

Nein! Das war doch eine klassische „Pump ‘n’ Dump“-Geschichte, wie aus dem Lehrbuch. Und das auch noch unter dem Vorwand vermeintlichen sozialen Revoluzzertums, was ich besonders raffiniert finde.

Wie investieren Sie Ihr Geld? In ETFs, Bitcoin oder vergraben Sie Gold im Garten, falls ein Blackout droht?

Meine Anlagen sind eher konservativ, ein Mix aus Wertpapieren und Bargeld.

Welcher CEO vermittelt Ihnen derzeit Vertrauen?

Da fällt mir, muss ich gestehen, momentan niemand ein. Sicher gibt es Manager, deren Unternehmen vordergründig fantastische Zahlen vorlegen. Auf die großen Herausforderungen der Gegenwart sinnvoll zu reagieren, das gelingt jedoch den wenigsten. Eine davon ist natürlich die Klimakrise, aber auch die Notwendigkeit, an das eigene Wirtschaften endlich weitere Parameter anzulegen als einzig und allein den größtmöglichen kurzfristigen Profit. Ein Schritt in die richtige Richtung ist ja jetzt das deutsche Lieferkettengesetz. In „Der Fall des Präsidenten“ geht es zudem um die höchst problematischen wirtschaftlichen Verflechtungen mit Ländern, welche die Menschenrechte – unser absolutes gesellschaftliches Ideal! – mit Füßen treten. Konzernbosse, die hier einmal Flagge zeigen und nicht jeden Deal machen, die sehe ich kaum.

Ihre Bücher basieren auf Fakten, die Sie dramaturgisch zuspitzen. Nun hat nicht erst der Sturm auf das Kapitol in Washington, D.C., gezeigt, dass wir zwar in einer Wissensgesellschaft leben – und trotzdem mit manchen Menschen „Die Erde ist nicht flach“-Gespräche führen müssen. Woran liegt das?

„Blackout“ von Marc Elsberg
„Blackout“ von Marc Elsberg

Ich finde es in der Tat faszinierend, dass wir nie so leichten Zugang zu fundierten wissenschaftlichen Erkenntnissen hatten, uns aber zunehmend die Fähigkeit fehlt, mit diesen Quellen umzugehen und sie zu bewerten. Wobei das vielleicht gar nicht so neu ist, nur durch das Internet verstärkt und sichtbar gemacht. Wie in meiner Jugend gibt es auch heute seriöse Medien, die sauber recherchieren und wichtige Nachrichten oder Hintergründe professionell aufbereiten. Auf deren Informationen und Meinung ich mich verlassen konnte und kann. Und wie damals besitzen weiterhin die weniger seriösen (Boulevard-)Publikationen und -sendungen, denen es nicht um Aufklärung sondern Affektbestätigung geht, die deutlich größeren Reichweiten. Heute sind das vor allem die sozialen Medien. Einen beträchtlichen Teil in der Bevölkerung, der sich nicht von wissenschaftlichen Fakten leiten lässt, sondern von irgendwelchen anekdotischen Geschichten, die für ihn oder sie plausibel klingen, den gab es aber schon immer.

Nur finden Anhänger solcher Fantastereien jetzt auf globaler Eben zusammen, per Whatsapp oder Twitter.

Ich benutze gern den Wiener Ausdruck des „Bassenatratsch“. Als Bassena bezeichnete man früher, als nicht jede Wohnung ein eigenes Bad besaß, das Wandbecken im Treppenflur eines Wohnhauses. Dort konnte man am Hahn seinen Wasserkrug füllen, den Wischeimer ausleeren und vor allem den neuesten Klatsch austauschen. Später erfüllten dieses Bedürfnis das Wirtshaus oder die Kaffeeküche im Büro. Hier wie da wurde jeder seine Theorien darüber los, was die Großkopferten aus der Hauptstadt oder die Kollegen in anderen Abteilungen angeblich alles falsch machten und planen würden. Selbst Kindern bringen wir am Beispiel von Pippi Langstrumpf, einer notorischen Lügnerin, eigentlich bei, dass man sich seine eigene Realität basteln kann. Menschen lieben einfach Geschichten, ganz unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt. Und auch wenn ich als Autor versuche, meine Bücher fest in der Realität zu verankern, lebe ich davon natürlich ganz gut.