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Russlands Vizepremier „Wenn Putin ihn nicht feuert, sieht das schwach aus“

Im Juli 2021 fährt Denis Manturov mit Putin nach Zhukovsky, damals war er nur Wirtschaftsminister 
Im Juli 2021 fährt Denis Manturov mit Putin nach Zhukovsky, damals war er nur Wirtschaftsminister 
© IMAGO / ITAR-TASS
Vize-Premier Denis Manturow gilt als Putins Liebling und Mann für die Wirtschaft. Vor laufenden Kameras widerspricht er Putin – kurz vergisst er: Putin hat immer das letzte Wort

Russlands Präsident Wladimir Putin stellt Minister gelegentlich öffentlich bloß, um Härte zu demonstrieren. Nun hat es überraschend einen Mann getroffen, der einen steilen Aufstieg hinter sich hat und einer der Architekten der russischen Wirtschaftspolitik ist: Denis Manturow, er ist Industrie- und Handelsminister und hat seit dem Sommer zugleich das herausgehobene Amt des Vize-Premiers inne.

Am Mittwoch hatte Putin Regierungsmitglieder per Videokonferenz zum Rapport bestellt, eine in Russland übliche Veranstaltung, die im Fernsehen übertragen wird. Der Ablauf: Putin referiert, fragt dann die Beteiligten, ob sie seine Anweisungen umgesetzt haben, erteilt je nach Antwort Lob oder Tadel und gibt neue Anweisungen.

Von diesem Skript wich Manturow ab, indem er Putin vor laufender Kamera widersprach. Der Präsident hatte sich darüber beschwert, dass einige Unternehmen für dieses Jahr noch keine Staatsaufträge bekommen und deshalb mit der Produktion nicht begonnen hätten. Dabei handelt es sich um Firmen, die zivile Flugzeuge, Hubschrauber und Schiffe herstellen. 

Der Hintergrund: Angesichts der wegen des Angriffs auf die Ukraine vom Westen verhängten Sanktionen, will Putin Russland „technologisch souverän“ sehen. Das heißt, dass Russland alle nötigen Produkte autonom ohne Technik aus dem Westen herstellt. Manturow soll dafür sorgen, dass das überaus ambitionierte Ziel erreicht wird. Der 53-Jährige ist seit 2012 Industrieminister des Landes und wurde nach Kriegsbeginn zum stellvertretenden Regierungschef ernannt. Sein Problem: Der Westen hat den Export von wichtiger Technologie nach Russland verboten – und ohne diese Lieferungen ist der Aufbau einer vom Westen technologisch völlig unabhängigen Industrie nur schwer möglich. 

„Lassen Sie uns das beenden“

Angesichts der Sanktionen liegt etwa die Produktion von Autos am Boden. Mehrere russische Hersteller mussten wegen Materialmangels die Produktion zeitweise einstellen. Boeing und Airbus liefern keine Flugzeuge mehr nach Russland. Ersatz soll in Russland hergestellt werden. Die Regierung hat angekündigt, entsprechende Aufträge zu erteilen. 

Manturow entgegnete dem Präsidenten, es seien schon „Investitionsprojekte“ auf den Weg gebracht worden. „Das dauert alles viel zu lange“, tadelte Putin und wiederholte, dass bei einigen der Unternehmen für 2023 noch keine Bestellungen eingegangen seien. Ihm seien die Beschwerden einiger Firmenchefs bekannt.

Manturow widersprach erneut. Alle infrage kommenden Unternehmen hätten Aufträge erhalten. Das Verteidigungsministerium habe das bestätigt. Ein sichtlich ungeduldiger Putin bestand nun darauf, er habe recht. Das hielt Manturow nicht davon ab, seinem Chef zum dritten Mal zu widersprechen. „Lassen Sie uns das beenden. Was bringt es, hier mit ihnen zu streiten?“, so Putin und fragte seinen Vize-Premier: „Warum stellen Sie sich dumm?“

Dann forderte er Manturow auf, innerhalb eines Monats Vollzug zu melden. „Wir werden versuchen, unser Bestes zu geben“, versicherte der Minister. „Nein! Sie sollen nicht versuchen, Ihr Bestes zu geben“, rüffelte Putin. „Das muss innerhalb eines Monates erledigt sein. Verstanden?“ Die kurze Antwort: „Ja“. 

„Heute hat Putin die Geduld (…) mit Manturow verloren, bislang einer seiner Lieblinge“, twitterte der Russland-Kenner Anders Aslund. Es sei interessant zu sehen, ob Manturow, der seit zehn Jahren ein einflussreicher Minister sei, diesen öffentlichen Streit mit Putin [politisch] überlebe: „Wenn Putin ihn nicht feuert, sieht das sehr schwach aus.“

Dieser Artikel ist zuerst auf ntv.de erschienen. 

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