AnalyseIst Monsanto böse?

Protest gegen Monsanto
Im Mai 2016 wurde weltweit gegen Monsanto protestiert – so auch in der Schweiz – Foto: dpa

Der Mann auf der Bühne schimpfte früher auf Hormonfleisch und Pestizidgemüse, Udo Pollmer, Lebensmittelchemiker und Buchautor, war einer der ärgsten Feinde der Agrarindustrie. Heute aber spricht er in einer Lounge des Berliner Olympiastadions über „Pflanzenschutz: So begegne ich erfolgreich Kritik“. Es ist eine Ode an Pestizide auf dem Acker. Eingeladen hat ihn Monsanto Deutschland zur Veranstaltung „Glyphosat update 3.0“. Eine Roadshow für Kunden, Landwirte und Händler.

„Sie müssen sich wehren“, rät Pollmer den Bauern: „Sonst stehen Sie immer da als die dümmeren, die bösen Bauern, die es nicht ohne Gift schaffen. Sie müssen erklären, warum Sie Glyphosat brauchen, warum Pestizide dafür sorgen, dass wir jeden Tag satt werden. Erst wenn die Umweltministerin 50.000 Mails im Postfach hat, haben Sie eine Chance.“

Im Internet droht man Pollmer für solche Sätze mit dem Tod. Glyphosat und Gentechnik: ein schwieriges Thema in Deutschland. Aber den rund 80 Bauern und Großhändlern spricht Pollmer aus der Seele. Monsanto sowieso. „Wir sind ein idealer Sündenbock“, sagt Monsantos Deutschland-Geschäftsführer Stefan Kocher. Kein Grillabend, ohne dass ihn jemand besorgt fragt, wie böse der Konzern denn nun wirklich sei.

Es ist eine Frage, die das ganze Land umtreibt. Denn der Leverkusener Chemiekonzern Bayer will den US-Konzern übernehmen. Bei einem Angebot von 66 Mrd. Dollar Monsanto-Chef Hugh Grant schließlich eingewilligt. Bayer-Chef Werner Baumann fädelt damit die größte Übernahme der deutschen Geschichte ein. Nur die Kartellbehörden können den Deal noch stoppen. Auf einen Schlag wird Bayer-Monsanto zum weltgrößten Anbieter von Pflanzenschutzmitteln (27 Prozent Marktanteil) und Saatgut (30 Prozent Marktanteil) – und zum wichtigsten Konzern für die Ernährung von sieben Milliarden Menschen.

Bayer-Monsanto-Vergleich

Umweltaktivisten hatten die monatelangen Verhandlungen genutzt, um gegen den „gefährlichen Megadeal“ zu mobilisieren. Denn kein anderer Konzern bringt die NGOs der Welt so auf Trab wie Monsanto. Doch Einwände kommen nicht nur aus der grünen Ecke. Finanzinvestoren warnen vor einem immensen „Reputationsrisiko“ für Bayer. Im Harris Poll, einem Ranking von „America’s Most Loved and Most Hated Companies“, schneidet Monsanto oft verheerend ab. 2016 landete der Konzern auf dem fünftletzten Platz von 100. Die Umfrage gehört zu den renommiertesten Untersuchungen zur Reputation von Unternehmen. Auch Bayers CEO muss sich in Interviews fragen lassen, warum Bayer denn den „bösesten Konzern“ der Welt kaufen will.

An der wirtschaftlichen Bilanz kann Monsantos schlechtes Image nicht liegen. Da war das Unternehmen zuletzt ein Überflieger, wachsende Umsätze, hohe Renditen. Monsanto-Chef Hugh Grant schaffte in den vergangenen fünf Jahren eine operative Marge von 23,8 Prozent im Jahresschnitt und eine Eigenkapitalrendite von 21 Prozent. Davon kann Bayer nur träumen.

Nur größere Sympathien hat der Erfolg dem Konzern nicht beschert. Aber: Wie kommt es eigentlich, dass Monsanto den Part des Bösewichts quasi gepachtet hat? Und hat der Konzern das Image überhaupt verdient?