Dax-KonzerneInvestoren übernehmen die Deutschland AG

Bayer-Chef bei seiner Rede auf der Bayer Hauptversammlung 2019
Auf der Hauptversammlung schlug Bayer-Chef Werner Baumann der geballte Unmut der Investoren entgegendpa

„Herr Baumann, was haben Sie mit unserer Bayer AG gemacht?“ Die von Joachim Kregel von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger gestellte Frage war nur eine von Dutzenden Tiraden gegen Bayer-Chef Werner Baumann auf der Hauptversammlung des Aspirin-und-Agrarchemiekonzerns Ende April. „Wo bleibt die Demut und die Empathie für Anleger, die ihr Erspartes in Bayer investieren?“, fragte er weiter. Investoren wie Kregel sind mit gutem Grund wütend. Der Bayer-Aktienkurs ist seit Juni, als die 63-Milliarden-Dollar-Übernahme des US-amerikanischen Agrochemie-Riesen Monsanto abgeschlossen wurde, um 37 Prozent abgestürzt.

Der Unmut löste eine in der deutschen Unternehmensgeschichte einzigartige Rebellion aus. Erstmals sprachen die Aktionäre dem amtierenden Management eines im Dax notierten Unternehmens das Misstrauen aus – ein beispielloser Akt des Widerstands. „Es war ein Erdbeben“, sagt Michael Wolf, Professor für Management an der Universität Göttingen. „Die Anleger in Deutschland tendieren traditionell zu Kompromissen und zur Konfliktvermeidung. Das ist ein Wendepunkt.“

Bayer ist in vielerlei Hinsicht ein Sonderfall. Im August vergangenen Jahres stellte die Jury eines US-Gerichts fest, Monsanto habe nicht vor den angeblichen Krebsrisiken gewarnt, die mit der Verwendung von Roundup – einem umstrittenen Unkrautvernichter – verbunden sind. Das Gericht entschied, dass Bayer dafür haften muss. Seit dieser Entscheidung ist der Börsenwert des Konzerns um 30 Mrd. Euro geschrumpft.

Bayer Aktie

Bayer Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RTAber der Chemieriese ist nicht der einzige deutsche Konzern, der von der Börse abgestraft wird. Untersuchungen über Fehlverhalten nach der Finanzkrise, Herabstufungen durch Ratingagenturen und der harte Wettbewerb mit Konkurrenten an der Wall Street bescherten der Deutschen Bank in den letzten zwölf Jahren einen Kursrückgang von mehr als 90 Prozent. Volkswagen kämpft vier Jahre nach Ausbruch des Dieselskandals immer noch darum, das Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen. Und die Aktie von Wirecard, einer der führenden europäischen Fintech-Konzerne, brach Anfang des Jahres ein, als gegen die Singapur-Tochter des Unternehmens Vorwürfe wegen Betrugs und falscher Buchführung bekannt wurden.

Kritiker suchen den Weg in die Öffentlichkeit

Das Land hat viele nationale Champions, die von Skandalen verschont bleiben – Unternehmen wie die Münchener Rück und die Allianz, den Softwareriesen SAP und seine erfolgreichen Exporteure aus dem Mittelstand. Aber die Deutschland AG produziert doch einen angemessenen Anteil an Unternehmenskrisen, die zunehmend in der Öffentlichkeit breit getreten werden. Die Aktionäre sind offenbar weitaus weniger bereit, sich mit schlechtem Management abzufinden als früher. „Früher kamen Unternehmen mit fragwürdigen Entscheidungen davon, heute werden sie dafür an den Pranger gestellt“, sagt Jörg Rocholl, Präsident der Wirtschaftshochschule ESMT Berlin.

Es ist ein Kulturwandel, der sich in den letzten zehn Jahren abgezeichnet hat, und nun in vollem Gange ist. „Die Aktionäre sind zunehmend bereit, ihre Anliegen in der Presse, durch direkte Gespräche mit der Unternehmensleitung oder in ihrem Abstimmungsverhalten auf Hauptversammlungen zum Ausdruck zu bringen“, sagt ein deutscher Investmentbanker. „Ein Tabu wurde gebrochen.“

Das zweistufige Governance-System in Deutschland, bei dem ein für das Tagesgeschäft verantwortlicher Vorstand von einem Aufsichtsrat aus Investoren- und Arbeitnehmervertretern überwacht wird, schützte Unternehmen in der Vergangenheit häufig vor lästigen Investoren. Die Beziehungen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat kann man als traulich bezeichnen: Als etwa Bayer-Chef Baumann zu Übernahmegesprächen mit Monsanto-CEO Hugh Grant nach München reiste, nahm er den Aufsichtsratsvorsitzenden Werner Wenning mit.