KolumneDie Schnapsidee von Thyssenkrupp

Bernd Ziesemer
Bernd ZiesemerCopyright: Martin Kress

Der Kurs der Thyssenkruppe Aktie ist in den letzten sechs Monaten um mehr als ein Drittel gefallen. An der Börse ist der Konzern damit gerade noch 7,5 Mrd. Euro wert – weit weniger als seine Teile: Allein die Aufzugssparte könnte bei einem Verkauf fast die doppelte Summe bringen, errechneten Investoren. Man kann auch genau sagen, wann der jüngste große Abschwung bei dem Essener Konzern begann: an dem September-Tag im letzten Jahr, als der neue Vorstandschef Guido Kerkhoff die Aufspaltung des Konzerns in zwei Teile verkündete. Der neue Mann wollte damit die verborgenen Werte des Unternehmens heben. Doch stattdessen versenkt Kerkhoff die letzten Hoffnungen seiner verbliebenen Kleinaktionäre.

Und es könnte noch schlimmer kommen: Untersagt die Europäische Kommission das geplante Stahl-Joint-Venture mit dem indischen Partner Tata oder setzt sie so hohe Auflagen durch, dass sich der ganze Zusammenschluss kaum noch lohnt, dürfte die Aktie ins Bodenlose stürzen. Am vergangenen Freitag reichte ein Bericht der Nachrichtenagentur Reuters über dieses Thema aus, um den Kurs um fünf Prozent nach unten zu treiben. Nur noch bis zum 20. März haben die beiden Stahl-Partner die Möglichkeit, die vorhandenen Bedenken der EU auszuräumen.

thyssenkrupp Aktie

thyssenkrupp Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RTAber selbst, wenn beim Stahl am Schluss alles einigermaßen durchgeht, können die Manager in Essen kaum aufatmen. Immer deutlicher wird: Die Aufspaltung von Thyssenkrupp in zwei Teile ist leider eine Schnapsidee. Sie hebt zwar verborgene Buchwerte und entlastet damit die Bilanz, das Eigenkapital steigt. Aber strategisch passt in den beiden Teilen so gut wie nichts zusammen. So soll sich die neue Thyssenkrupp Materials AG vor allem auf die 50-Prozent-Beteiligung an dem Stahl-Joint-Venture stützen. Dazu kommen der Handelsbereich und die Marinewerften – die beide eigentlich auf der Verkaufsliste stehen und mit den Stahlwerken keinerlei Synergien erzeugen. Das Gleiche gilt für die geplante Thyssenkrupp Industrials AG, die künftig so diverse Dinge wie Aufzüge, Autoteile und Großanlagen unter einem Dach vereinigt. Synergien? Keine. Industrielle Logik? Eher fragwürdig.

Die Aufspaltung ist ein fauler Kompromiss

Der Umbau verursacht vor allem erst einmal weitere hohe Kosten, bevor sich seine positiven Effekte auf die Gewinn- und Verlustrechnung auswirken können – wenn diese Effekte denn überhaupt eintreffen. Das kann sich Thyssenkrupp aber in der jetzigen Lage eigentlich nicht leisten. Hinzu kommt: Die Komplexität im Gesamtkonzern, die wesentliche Ursache der ganzen Misere seit vielen Jahren, verringert sich nach der Aufspaltung ebenfalls kaum. Die Sanierungsarbeiten in vielen einzelnen Sparten kommen durch die ganze Übung erst einmal keinen Millimeter voran. Dabei gibt es selbst in der erfolgsverwöhnten Aufzugssparte einiges zu tun, wenn sie wieder zu den wesentlich profitableren Konkurrenten aufschließen will.

Die Aufspaltung in zwei Teile war von Anfang an ein ziemlich fauler Kompromiss zwischen denen, die den Gesamtkonzern ganz zerlegen wollten, und denen, die ihn um jeden Preis als Ganzes irgendwie erhalten wollten. Weil beide Teile weiter den Namen Thyssenkrupp tragen und miteinander kapitalmäßig verbunden bleiben, konnten die Traditionalisten mit der Idee leben. Gleichzeitig konnte die radikale Fraktion mit der Lösung erst einmal zurechtkommen, weil endlich überhaupt etwas geschieht und man ihn auch als Zwischenschritt zu einer endgültigen Zerlegung des Konzerns nutzen kann. Doch der Aktienkurs zeigt: der Kompromiss überzeugt nicht, die Lage wird immer dramatischer.