KolumneDas neue Selbstbewusstsein der Aktionäre

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Alles begann genau vor vier Jahren. Auf der Hauptversammlung der Deutschen Bank stimmten damals nur 61 Prozent für die Entlastung der beiden Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen – und leiteten damit die Entlassung des Duos ein. Auf dem Aktionärstreffen der Bayer AG kam es letzte Woche noch schlimmer: Zum ersten Mal in der ganzen Geschichte der deutschen Dax-Konzerne stimmte eine Mehrheit zornig gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat. Ein Vorgang, der sich in der Schweiz am vergangenen Donnerstag bei der UBS wiederholte.

Reichlich Proteststimmen dürfte es in den nächsten Wochen auch bei zwei weiteren Unternehmen geben: der Deutschen Börse am Mittwoch und bei der Deutschen Bank am 28. Mai. Bei der Börse muss Aufsichtsratschef Joachim Faber mit dem Zorn der Aktionäre rechnen, weil er nach dem Skandal um Insidergeschäfte des früheren Vorstandschefs eigentlich schon längst seinen Hut nehmen wollte. Bei der Deutschen Bank steht Aufsichtsratschef Paul Achleitner nach der gescheiterten Fusion mit der Commerzbank unter Druck. Seine Performance gilt, man kann es am miserablen Aktienkurs ablesen, als weit unterdurchschnittlich.

Nichts nervt Manager mehr als eine lange Hauptversammlung

Überall müssen sich die Vorstände, vor allem aber die Aufsichtsräte auf sehr viel selbstbewusstere Eigentümer einstellen als früher. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe: Erstens agieren die Aktienfonds inzwischen in Europa sehr viel offensiver als es früher der Fall war, als sie fast immer lammfromm für das Management der Unternehmen eintraten. Zweitens spielen die Stimmrechtsberater aus den USA eine immer größere Rolle, die viel genauer hinschauen als die meisten Aktionäre. Drittens machen Corporate-Governance-Experten wie der ehemalige Chef der Fondsgesellschaft DWS, Christian Strenger, viel Druck. Viertens kaufen sich inzwischen amerikanische Hedgefonds viel häufiger bei europäischen, vor allem deutschen Unternehmen ein und setzen ihre Stimmen aggressiv ein, wenn etwas schiefläuft wie bei Bayer. Und fünftens wachen auch immer mehr Belegschafts- und Kleinaktionäre auf und widersetzen sich der Selbstbedienungsmentalität von Aufsichtsräten und Vorständen wie bei der UBS, wo sich Konzernchef Sergio Ermotti mittlerweile mit 45.000 Franken pro Arbeitstag bezahlen lässt.

Bisher gab es nur sehr wenige Fälle, in denen Hauptversammlungen für die Abberufung von Aufsichtsräten stimmten – so selbstbewusst sind die Aktionäre nun wieder doch nicht. Bisher nutzen sie nur die Waffe der verweigerten Entlastung, die rechtlich gesehen eine stumpfe Waffe ist. Aber auch das könnte sich irgendwann ändern, wenn Vorstände und Aufsichtsräte weiterhin so sorglos mit dem Vermögen ihrer Aktionäre umgehen wie bei Bayer.

Die Konzernspitzen sehen den Aufstand ihrer Aktionäre in der Regel als Belastung, auch wenn sie es nicht öffentlich sagen. Nichts nervt die Manager mehr als eine lange Hauptversammlung, auf der sie sich der Kritik stellen müssen. Oft ist es der einzige Tag in ihrem Jahreskalender, an dem sie sich überhaupt Vorwürfe anhören müssen, weil sie im Konzernalltag nur noch Jasagern begegnen. Doch langfristig machen die Aktionäre, wenn sie ihre Eigentümerinteressen offensiv vertreten, die Unternehmen stärker.