KolumneDigital instabil

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

Knapp 450.000 mal wurde die Facebook-Seite der AfD geliked. Die CDU kommt auf gerade einmal etwas mehr als 185.000 Likes, die SPD schafft rund 189.000. Lega Chef Matteo Salvini sammelte auf seiner Fanpage dagegen fast eine halbe Million Daumen nach oben ein. Empörung funktioniert im Feed. Die vieldiskutierten Echokammern und Filterblasen der sozialen Medien sind der ideale Nährboden für die Verbreitung von Anti-Inhalten. Wenige Wochen vor Europas Schicksalswahl sollten wir uns Sorgen machen. Am 26. Mai droht nicht nur ein historischer Erfolg der EU-Gegner. Auch die digitale Verwundbarkeit der Demokratie könnte erneut offensichtlich werden.

Zu Ende gedacht…

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Die Rahmenbedingungen für Wahlen haben sich für immer verändert. Spätestens seit 2016. Donald Trumps Social-Media-Team gab im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf monatlich bis zu 70 Millionen Dollar für Online-Werbung aus. Zum Vergleich: Das Digitalbudget der SPD für die kommende Europawahl beträgt gerade einmal 1,6 Millionen Euro, bei der letzten war es nur 20.000 Euro. Jeden Tag testete die republikanische Kampagne 40.000 bis 50.000 verschiedene Varianten von Werbebotschaften. „Microtargeting“ wurde zum neuen Schlagwort des Polit-Marketings. Der umstrittene Daten-Sammler Cambridge Analytica ist mittlerweile insolvent. Einen Weg zurück zum analogen Wettstreit der Konzepte gibt es dennoch nicht.

Das Netz hat eine neue Form der politischen Meinungsbildung geschaffen. Dabei mischen längst auch künstliche Intelligenzen mit. Computerprogramme sind für mehr als die Hälfte des globalen Internetverkehrs verantwortlich. So mancher Twitter-Bot ist auf politischer Empörungs-Mission unterwegs, der ein oder andere vielleicht auch für AfD und Lega Nord.

Dazu kommt digitale Meinungsmache aus dem Ausland. Im Oktober 2018 veröffentlichte Twitter über 300 GB Daten zu mehr als 10 Millionen Troll-Tweets von über 5000 Konten. 3.800 davon stammen aus Russland. Die sogenannte Internet Research Agency in St. Petersburg ist Putins Troll-Kommando. Von hier aus versucht der Kreml die westliche Öffentlichkeit zu beeinflussen. Dort weiß man: Offene Gesellschaften lassen sich an der digitalen Front effizient destabilisieren. Daten, Algorithmen und Klick-Soldaten sind heute wichtiger als Panzer, Bomber und Flugzeugträger.

Die Fragilität der Demokratie steigt. Gerade in Zeiten großer Empörungspotentiale ist das gefährlich. Russlands Trolle wissen genau, bei welchen Themen sie ansetzen können. „Diese Wahl wird nicht so sein wie die vorherige“, sagte EU-Justiz-Kommissarin Věra Jourová. Ihre Behörde hat Maßnahmen zum Schutz vor Desinformation und Einflussnahme angestoßen. Ob Sie ausreichen, werden wir wohl erst lange nach dem 26. Mai wissen. Wenn überhaupt.

Klar, auch das Willy-Brandt- und Konrad-Adenauer-Haus müssen digital aufrüsten. Die Spieler der politischen Mitte sollten ihre Social-Media-Schlagkraft mit mehr Budget, besseren und größeren Online-Teams ausbauen. Aber gemäßigte Inhalte klicken eben schlechter. Einfache Botschaften haben es im Netz immer leichter. Die Forderung nach digitaler Waffengleichheit greift deshalb zu kurz.

Die mobilisierende Macht der virtuellen Vernetzung ist kaum zu bändigen. Sie hat zuletzt das Phänomen Greta Thunberg produziert, aber eben auch anti-europäische Mehrheiten und gewaltsame Gelbwesten-Randale. In kürzester Zeit kann sich Unzufriedenheit und Perspektivlosigkeit in unterschiedlichsten Formen Bahn brechen. Wir haben es mit einer explodierenden politischen Komplexität zu tun. Der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien (16-jährige Schwedin) kann einen Tornado in Texas (Aufstand der Schüler auf deutschen Rathausplätzen) entfachen. Eine Entfremdung der Mandatsträger wird in digitalen Zeiten sofort und direkt bestraft. Wie umgehen damit?

Empörungspotentiale beizeiten erkennen und ernst nehmen! So lautet die scheinbar einfache Konsequenz für Politiker jeder Couleur. Keine ideologische Scheuklappe, political correctness oder industrielle Lobby darf bewirken, dass Sorgen und Ängste weggedrückt werden. Egal ob Klimaschutz, steigende Mieten oder das europaweite Reizthema Migration – früher und aufmerksamer zuhören wäre angebracht. Auch hierfür eignet sich das Netz übrigens hervorragend. Action required!