Déjà-vuDer abhängige Aufsichtsrat der BASF

Hauptversammlung bei BASF: Wegen der Corona-Pandemie können die Aktionärstreffen vorerst nur online stattfindendpa

Dem neusten Mitglied des Aufsichtsrats bei der BASF SE mangelt es gewiss nicht an Qualifikation. Thomas Carell arbeitet seit Langem als Professor für organische Chemie an der Uni München und gehört zu den Mitbegründern eines sehr erfolgreichen Chemie-Start-ups. Nur eines ist Carell eher nicht: unabhängig. Die BASF camoufliert das in der Einladung zur letzten Hauptversammlung so: Der neue Aufsichtsrat stehe „in keiner persönlichen Beziehung zur BASF SE“ und unterhalte nur eine „geringfügige geschäftliche Beziehung“ zum Konzern. Heißt: Carell gehören 10,04 Prozent des Start-ups Baseclick – die BASF-Gruppe hält 67,23 Prozent.

Schon im Aufsichtsrat einer normalen AG wäre die Personalie nicht ganz koscher, obwohl sie rechtlich erlaubt ist. Carell spielt nach wie vor eine führende Rolle in seinem Start-up, sitzt aber offiziell nicht in der Geschäftsführung. Diese Konstruktion gibt es bei vielen universitätsnahen Firmen. Ein deutscher Professor darf laut Beamtenrecht nebenbei kein Unternehmen leiten sich aber um die „Betreuung“ seines Vermögens kümmern. In der Praxis hängt das Wohl von Carells Start-up davon ab, dass die BASF weiter für die Finanzierung sorgt. Gleichzeitig soll der Professor aber künftig völlig unparteiisch über den Vorstand des Konzerns wachen. Ein Widerspruch.

Cover der neuen Capital
Cover der neuen Capital

Dazu kommt: Der Aufsichtsrat der BASF besteht nur aus zwölf Mitgliedern. Die Betriebsräte und Vertreter der Chemiegewerkschaft, die sich selbst als bloße Sachwalter der Belegschaft sehen, stellen die Hälfte. An der Spitze sitzt Jürgen Hambrecht, früher Vorstands- und jetzt Aufsichtsratschef, der auch nicht als Unabhängiger gelten kann. Nur eine Minderheit des Gremiums – ganze vier Vertreter der Kapitalseite – halten also das Fähnlein der Unabhängigkeit hoch.

Das alles aber ist nichts Neues. Seit Generationen führen bei der BASF ausnahmslos ehemalige Vorstände den Aufsichtsrat. Auch der Ex-Vorstandschef Kurt Bock läuft sich schon in anderen Aufsichtsräten warm, um 2020 Hambrecht abzulösen. Der Einfachheit halber bekam Bock den Beschluss über seine weitere Verwendung bereits beim Abschied mit auf den Weg. Kein externer Kandidat stand ernsthaft zur Diskussion – ein Verstoß gegen die Regeln guter Unternehmensführung.

Im Fall von Bock zeigt sich das Fatale dieser Aufsichtsratspraxis. Seine Zeit an der Vorstandsspitze waren verlorene Jahre, in denen die BASF strategisch kein Stück weitergekommen ist. Sein Nachfolger Martin Brudermüller müsste eigentlich mit vielen Erblasten der Ära Bock brechen. Aber wie soll der neue BASF-Chef das machen? Vom ersten Tag seiner Amtszeit liegt schließlich der Schatten des künftigen Aufsichtsratschefs über ihm. Man muss sehr mutig sein und sehr schnell, um unter solchen Bedingungen große Veränderungen durchzusetzen.

Kein Zweifel: Die BASF ist lange mit ihrer Insider-Mentalität ganz gut gefahren. Doch der Lack blättert. Die Gewinne liegen dort, wo sie vor Jahren schon mal lagen. Die Konkurrenz holt auf. An der BASF-Spitze aber fehlt der Wille, das alte Geschäftsmodell zu hinterfragen. Ein externer Mann oder eine externe Frau als Aufsichtsratschef täten dem Konzern gut. Es wird bloß nicht dazu kommen.