ModeTräger und Sammler: Was Sie über Sneaker als Investment wissen sollten

Philipp Kassel von 7 Perplex ist spezialisiert auf limitierte Sneaker, die er online oder auf Pop-up-Events wie hier im KaDeWe verkauft.
Philipp Kassel von 7 Perplex ist spezialisiert auf limitierte Sneaker, die er online oder auf Pop-up-Events wie hier im KaDeWe verkauft.Hojabr Riahi

Wem aus der eigenen Kindheit und Jugend vielleicht noch die Namen Air Jordan (von Nike), The Pump (von Reebok) oder Stan Smith (von Adidas) in Erinnerung geblieben sind, der weiß: Es gibt schnöde Sportschuhe und es gibt echte Legenden mit Gummisohle. Doch mit dem globalen Run auf gewisse, extrem verknappte Sneaker, wie er seit Jahren off- und online tobt, haben die Pausenhof-Highlights von früher kaum mehr etwas gemein. Heute treffen Kult, Kommerz und ausgefuchste Marken-Kommunikation kongenial zusammen. in jedem der begehrten Paare. Das Resultat: Schuhe mit horrendem Preisschild, ein diffuser Zweitmarkt und Berufsbilder wie die des „Sneaker-Wiederverkäufers“.

Einer von ihnen ist Philipp Kassel, der sich Anfang 2017 mit der Firma 7 Perplex selbstständig machte und seitdem im Internet und mit Pop-up-Shops im Luxus-Einzelhandel (KaDeWe, Breuninger) hochpreisige Raritäten und ihre Fans zusammenbringt. Ein lukratives Business, das dem ehemaligen Privatkundenberater der Commerzbank nicht einen Tag an seiner Gründung zweifeln ließ. Im Gespräch mit Capital bringt Kassel reichlich Licht uns Dunkel der Szene und gibt wertvolle Tipps für alle, die selbst in Sneaker investieren wollen.

Philipp Kassel, wer gehört zu Ihrer Zielgruppe, wer sind typische „sneakerheads“?

PHILIPP KASSEL: Gerade in dieser Nische gibt es keine stereotypischen Kund:innen mit bestimmten Merkmalen. Bei uns kaufen Teenager mit ihren Eltern, Geschäftsleute jeden Alters und auch Rentner:innen. Viele Kund:innen sind selbstständig, von Ärzt:innen und Rechtsanwält:innen über Promis aus Musik, Kultur, Sport und Kunst. Sie alle reizt ein Gefühl von Exklusivität, etwas zu besitzen, was nicht jeder hat oder trägt. Oft interessieren sie sich außerdem für Luxusuhren, Oldtimer, Gemälde oder seltene Weine. Nicht zuletzt ist ein neuer limitierter Sneaker für sie die Belohnung nach einem erfolgreichen Abschluss, einem persönlichen Meilenstein oder ein ganz besonderes Geschenk innerhalb der Familie.

Ist die Sneaker-Szene eine Männerdomäne?

Ganz im Gegenteil. Mittlerweile geben weibliche Influencer größtenteils die in unserem Business wichtigsten Trends in den sozialen Medien vor. Als US-Star Madison Beer beispielsweise ein Bild mit dem Nike Air Jordan 1 „Blue Chill“ auf Instagram veröffentlichte, schnellten Nachfrage und Preis signifikant nach oben. Solche Posts verleihen einem bestimmten Schuh eine breitere Akzeptanz im Mainstream und befeuern den Hype darum. Im vergangenen Jahr haben viele Meinungsführer:innen angefangen, unterschiedlichste Varianten des Air Jordan 1 von Nike zu tragen und Fotos davon zu veröffentlichen. Das hat sich positiv auf die Nachfrage nach den Sneakers in ihrer Followerschaft ausgewirkt und war auch bei unseren Verkauf-Events zu spüren: Plötzlich rissen sich alle um den Air Jordan 1 Mids, vor allem jüngere Kundinnen.

Was war die höchste Wertsteigerung, die Sie erzielen konnten – zwischen UVP und tatsächlichem Verkaufspreis?

Wir konnten den Air Dior Jordan im Sommer 2020 bereits vor dem offiziellen Verkaufsstart anbieten und haben dafür statt des Einzelhandelspreis (UVP) von 1900 Euro dementsprechend 20.000 Euro erzielt. Wobei man dazu wissen muss, dass ein so streng limitiertes Design auch unsererseits ein gewisses Investment erfordert hat. Glücklicherweise hat es sich ausgezahlt.

Welche Marken sind die Top 3 des Marktes bei Highend-Sneaker-Käufern/-Sammlern?

Bei den Luxusmode-Marken würde ich sagen: Louis Vuitton, Dior und Balenciaga, in dieser Reihenfolge. Bei den limitierten Sneakern der Sportartikler sind das Nike mit vielen exklusiven Kooperationen, vor Adidas und deren Zusammenarbeit mit Kanye West für die Yeezy-Modelle.

Welche Modelle sind seit Jahren verlässliche Bestseller?

Zu den Hits zählen weiterhin der Nike Air Jordan 1, außerdem limitierte Kollaborationen rund um den Nike Air Force 1 – und der Adidas Yeezy Boost 350 V2. Die ersten beiden Modelle und Silhouetten sind bereits zeitlose Klassiker und der Yeezy V2 punktet mit seinem hohen Tragekomfort und schlichten Design. Zwar hat der Hype um die Yeezy-Sneaker über die Jahre etwas abgenommen, den Absatz der mehrmals im Monat lancierten Neuheiten hat das aber nur minimal beeinflusst.

Welche Modelle gehören zu den Newcomern auf den Wunschlisten der Träger und Sammler?

Neben den bereits erwähnten Top-Positionen auf der Beliebtheitsskala gewinnt der Nike Dunk gerade stark an Boden – in der Low-Silhouette wie auch als etwas klobigere High-Variante. In der Skater-Szene war der Dunk schon länger ein Geheimtipp, doch bis zu der cleveren Kooperation mit dem US-Rapper Travis Scott, der mit Nike seinen eigenen Dunk entwarf, war der Schuh mitunter im Sale zu ergattern. Jetzt bewerben Scott und viele Influencer:innen sowohl aktuelle und ältere Releases des Sneakers und die Preise auf dem Zweitmarkt liegen deutlich über dem empfohlenen Verkaufspreis des Einzelhandels.

Wie komme ich als Anfänger ohne Insider-Kontakte an so ein begehrtes Modell?

Ich würde dazu raten, sich bei lokalen Läden und Anbietern wie Solebox für einen sogenannten „Instore Raffle“ einzutragen. Dabei werden Kaufrechte für einen bestimmten limitierten Sneaker an dessen Veröffentlichungstag verlost. Die Gewinner werden angerufen oder per E-Mail benachrichtigt. Wer die Kontaktaufnahme verpasst, verliert seine Option und es wird neu gezogen. Solche Vor-Ort-Aktionen sind etwas vielversprechender als „Online Raffles“, weil viele den höheren Aufwand scheuen und man sich im Internet auch mehrfach eintragen kann. Wer technisch versiert ist, der könnte sich auch an automatische Checkout-Software wagen. Mit solchen Bots steigt die Chance, bei reinen Onlineshop-Releases von Sneakern an ein Paar zu kommen. Die besten dieser Computer-Programme werden mittlerweile schon für vierstellige Summen in Internetforen gehandelt. Einem Laien nützen sie jedoch wenig, um das Potenzial auszuschöpfen, muss man technisch versiert sein und mehrere Faktoren beachten.

Was sollte man beim Kauf unbedingt beachten?

Falls ein limitierter Sneaker nicht im Primärmarkt erworben werden konnte, etwa über die eben beschriebenen Wege, dann rate ich dringend, nur bei renommierten Resell-Firmen zu kaufen. Viele Händler und Shopplattformen sind nämlich nicht kompetent genug und in der Lage, die Zweitmarkt-Ware verlässlich auf deren Echtheit zu prüfen. Ich erlebe seit Jahren, wie sehr von Fälschergruppen in Asien in Umlauf gebrachte Repliken mittlerweile den Original-Sneakern ähneln. Aktuell bearbeite ich als Gutachter für das Landgericht Dessau-Roßlau einen zivilrechtlichen Fall, wo es um drei Paar Sneaker und einen Streitwert von 5000 Euro geht. Bei solchen Summen sollte man auf einen professionellen, akribischen Prozess der Authentifizierung vertrauen können, wie wir und unsere Partner ihn anbieten. Dabei werden jede einzelne Naht, jede Farbe, Schrifttype und jedes Detail unter die Lupe genommen, auch mit dem Einsatz von Schwarzlichtlampen. So konnten wir seit 2017 jede Fälschung als solche entlarven.

Welche Wertsteigerung kann man bei limitierten Sneakern überhaupt erwarten – und wodurch wird diese positiv wie negativ beeinflusst?

Wichtig ist zunächst die Tatsache, dass es sich dabei um eine Investition mit hohem Risiko handelt. Das sollte jedem interessierten Käufer stets bewusst sein. Ausgehend vom Retail-Preis können sehr limitierte und nachgefragte Modelle aus dem Highend-Bereich ihren Wert bereits unmittelbar nach Verkaufsstart bis zu verzehnfachen. Ein gutes Beispiel hierfür sind die beiden Nike Air Jordan 1 mit Travis Scott oder die Nike x Ben & Jerrys Kollaboration „Chunky Dunky“. Insofern kann sich der Erwerb unterbewerteter Sneaker zu Zweitmarktpreisen als Wertanlage durchaus lohnen. Meist ist der Zenith erst Jahre nach der Erstveröffentlichung erreicht. Sprich, wer kurz nach dem Release kauft, könnte über die Jahre und mit etwas Glück ein Plus von 100 bis 400 Prozent erzielen.

Abhängig sind solche Prognosen natürlich immer vom konkreten Modell, dessen Beliebtheit, der insgesamt produzierten Stückzahl (der Auflage) und der Schuhgröße des Paares, das man besitzt. Ein Sneaker wie der klassische Nike Air Jordan 1 in Farbkombinationen wie „Chicago“, „Banned“ oder „Shattered Backboard“ wird aktuell im Vergleich zum UVP bereits für vier- bis siebenfache Summen gehandelt. Bei der Erstveröffentlichung konnten diese Modelle allerdings noch für 70 bis 80 Prozent Preispremium auf dem Sekundärmarkt gekauft werden.

Mit Ihrem Wissen als ehemaliger Bankberater: Kann eine Sneakersammlung eine ernsthafte Investition sein, mit vergleichbarer Performance und Beständigkeit wie andere Anlagemöglichkeiten?

Bei der Commerzbank wurde mir beigebracht, dass man in Hochrisiko-Anlagen nur Geld stecken sollte, das man theoretisch im Winter auch zum Kaminanzünden benutzen könnte. Beiträge, deren Verlust nicht wehtun. In diese Kategorie gehört eindeutig auch ein Sneaker, den man wegen seines möglichen Wertzuwachses kauft. Zu bedenken ist dabei, dass jedes Modell theoretisch einmal nicht mehr trendy und begehrt sein könnte, was einen massiven Preisverfall bedeuten würde. Ein weiteres Risiko stellen Restocks dar, sprich eine Neuveröffentlichung eines alten Modells. Adidas praktiziert dies häufig bei den Yeezys. Jedoch gibt es bei sowas meistens Leaks und Gerüchte lange bevor es zum eigentlichen Restock kommt. So bleibt genug Zeit, um vorhandene Positionen noch schnell zu verkaufen. Ein befreundeter Händler hatte das Modell Adidas Yeezy Boost 350 V2 „Zebra“ beim ersten Drop für rund 1200 Euro pro Paar im großen Stil eingekauft und hatte den Restock-Gerüchten nicht geglaubt. Heute (nach vier Restocks) liegt das Modell preislich bei rund 300 Euro.

Die größten Margen sind zu erwarten, wenn der Kauf kurz nach der Premiere gelingt, vorzugsweise natürlich im Primärmarkt, aber auch auf dem Sekundärmarkt, wenn die Preise noch nicht zu stark hochgeschnellt sind. Auch hilft es, bestimmte Marken und Modelle auf digitalen Handelsplätzen für Sneaker zu beobachten, wo die Wertentwicklung wie bei Aktienkursen dargestellt wird. Und je größer die eigene Sammlung ist, desto mehr streut man das Risiko und kann gleich mehrfach von Aufwärtstrends profitieren.

Welcher Schuh ist der perfekte Start für die eigene Sammlung?

Männlichen Nike-Fans empfehle ich aktuell den Air Jordan 1 „Mocha“ oder den Dunk Low „Black & White“. Für Damen sind der Nike Dunk Low „Pearl Orange“ oder „Coast“ eine gute Wahl. Hier stimmen der Preis, die Anerkennung bei Profis und die hohe Beliebtheit im Mainstream des Marktes gleichermaßen. Bei Adidas empfehle ich den Adidas Yeezy Boost 350 V2 „Zebra“ oder „Bred“. Beide Modelle wurden kürzlich erneut lanciert und gelten als Klassiker unter den V2-Modellen. Allerdings: Diese Modelle sind nicht sehr wertstabil, sobald sie einmal getragen wurden. Wie ein Neuwagen verlieren sie nach dem ersten Gebrauch rund bis zu 50 Prozent ihres Wertes.

Was muss ich bei einer Sammlung noch beachten?

Bei reinen Investment-Sneakern verbietet sich das Tragen und man sollte sie im unversehrten Originalkarton an einem trockenen, lichtgeschützten Ort lagern. Wer seinen Schuh tragen und vor Schäden bewahren möchte, der greift nach dem Auspacken sofort zu Imprägnierspray und Schuhspannern. Ein guter Zustand kann bis zu 75 Prozent des Neuwertes retten, während Löcher, Risse und verblichene Farben den Erlös auf vielleicht noch 20 Prozent senken. Bei Adidas sollte man vielleicht etwas vorsichtig mit dem Investment sein, da sie beliebte Modelle häufig restocken.

Welcher Sneaker steht auf Ihrer Jagdliste ganz oben?

Was meine persönliche Sammlung betrifft, fehlt mir eigentlich nichts. Am meisten gefreut habe ich mich bisher über die Modelle Nike Air Yeezy 2 „Solar“ (Neuwert: etwa 10.000 Euro) und „Red October“ (Neuwert: rund 15.000 Euro). Diese Schuhe trugen Kanye West und Jay-Z im Jahr 2012 beim Stopp ihrer gemeinsamen „Watch The Throne“-Tour in Frankfurt. Die konnte ich mir erst acht Jahre später und nur durch meine Selbstständigkeit kaufen, als Bank-Azubi damals waren diese legendären Sneaker unerschwinglich.

 


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