Coronavirus„Wir sollten eine Billion ausgeben, ohne mit der Wimper zu zucken“

Der Harvard-Ökonom Kenneth Rogoff gilt weltweit als Experte für Staatsschulden und Finanz­krisenGetty Images

Capital: Mr. Rogoff, auch Harvard hat seine Tore geschlossen, was heißt das für Sie persönlich?

KENNETH ROGOFF: Ich bin zu Hause und kann nicht mehr in mein Büro. Alle Studenten wurden aufgefordert, bis zum 15. März den Campus zu verlassen. Nach den Frühjahrsferien, dem „Spring Break“, werden wir die Kurse Online machen. Ich zeichne meine Kurse heute noch auf – wie lange das so sein wird, weiß ich wie alle anderen auch nicht.

Haben Sie so etwas schon erlebt?

Nein. Absolut nein.

Alle Ökonomen versuchen derzeit, die Folgen der Corona-Krise zu analysieren und haben große Schwierigkeiten, die Folgen abzuschätzen. Was macht diese Krise so besonders und was erwarten Sie?

Ich bin kein Virologe – aber vom Verlauf der Ausbreitung dieser Pandemie hängt alles ab und von der Frage, wann wir einen Impfstoff und ein Medikament bekommen. Das würde dem Virus den Schrecken nehmen und die Menschen würden wieder Vertrauen bekommen. Wenn sie nicht mehr befürchten müssen, ins Krankenhaus an ein Beatmungsgerät zu müssen.

Die gravierenden Folgen für die Wirtschaft sind bereits zu spüren. Was erwarten Sie?

Dieser Schock ist einzigartig und mit keinem seit der Spanischen Grippe 1918/19 vergleichbar. Wir erleben die erste wirklich globale Krise seit der Großen Depression 1929. Auch die Finanzkrise 2008/09 traf ja vor allem die Industrienationen, viele Schwellenländer brachen kurz ein, aber erholten sich schnell. Die Krisen der 1980er und 1990er trafen vor allem Asien oder die Schwellenländer. Eines sollte uns allen klar sein: Es wird eine tiefe Rezession geben – es gibt nur einen Unterschied.


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Welcher Unterschied ist das?

Dieser Schock wurde nicht durch die üblichen Muster hervorgerufen: zu hohe Schulden, unvorsichtige Kreditvergabe, Spekulationsblasen, die in der Regel Finanzkrisen verursachen. Dieser Schock trifft direkt auf die reale Wirtschaft und zwar auf der Angebots- und Nachfrageseite gleichzeitig.

Angebotsschock heißt: Es fehlen Arbeiter in den Fabriken und Büros und damit Ersatzteile und Waren, weil die Lieferketten durcheinander sind. Wann gab es das zuletzt?

Das letzte Mal gab es einen Angebotsschock in den 1970ern zu Zeiten der Ölkrise.

Und damals war es im Grunde „nur“ ein Rohstoff, nicht Menschen…

Der Vergleich bezieht sich vor allem auf das Ausmaß. Nur diesmal kommt parallel zu dem Angebotsschock der Nachfrageschock, weil die Nachfrage ebenfalls einbricht – beide wirken zusammen mit einer Naturkatastrophe. Alles mischt sich zusammen: Lieferketten sind gestört, Restaurants, Sportstätten, Theater und Schulen schließen. So etwas haben wir noch nie erlebt. Ökonomen sprechen von einem „sudden stop“, wenn blitzartig etwas aufhört oder versiegt. Wenn wir nicht aufpassen, wird diese Krise sehr lange dauern. Die Regierungen müssen jetzt handeln, dann können sie das Schlimmste stoppen.

Viele Regierungen tun das bereits, haben Liquiditätshilfen, Kredite und Notfallfonds zugesagt.

Was bisher angekündigt wurde, auch von Deutschland, ist richtig. Aber das wird nicht reichen. Allein in den USA arbeiten 10 Millionen Menschen in der Gastronomie, da werden viele pleitegehen. Die Schieferölindustrie, die auch gerade geschlachtet wird, beschäftigt ebenfalls Millionen Menschen. Die Finanzbranche wird die Folgen bald spüren.

Was müssen wir noch tun?

Die Notenbanken haben bereits reagiert und die Zinsen gesenkt…

…die Märkte hat das nicht beeindruckt, im Gegenteil.

Niedrige Zinsen besiegen das Virus nicht, wirken aber auf mittlere Sicht. Was ich nur sagen kann: Die Notenbanken werden alle die Zinsen weiter ins Negative senken. Ich habe ja schon früher gefordert, dass die Zinsen bis minus sechs Prozent sinken sollen, um schneller aus Krisen zu kommen. Jetzt aber ist vor allem die Stunde der Fiskalpolitik, wir brauchen massive Ausgaben, sonst wird das enden wie 1929 in der Großen Depression. Wenn wir aber schnell und entschlossen reagieren, wird sich die Wirtschaft schneller erholen. Wir müssen jetzt dafür sorgen, dass der gesunde Teil der Wirtschaft geschützt wird und nicht dauerhaft Schaden nimmt.

Über welche Summen reden wir?

Um es klar zu sagen: Das ist wie im Krieg. Die USA sollten eine Billion Dollar ausgeben, ohne mit der Wimper zu zucken. Und das ist vermutlich nur der erste Schritt. Die Reaktion in Europa reicht noch nicht aus, das muss angesichts dieser Krise mehr sein. Auch Europa müsste bis zu einer Billion Dollar ausgeben.