KolumneJanet Yellen: eine Taube für das Schatzamt 

Janet Yellen könnte die erste Finanzministerin in der US-Geschichte werdendpa

Joe Biden wird seinem Ruf gerecht. Anders als Donald Trump benennt Amerikas kommender Präsident erfahrene Kandidaten für die wichtigsten Ämter in seiner Regierung. So soll die frühere Zentralbankchefin Janet Yellen die neue „Sekretärin des Schatzamtes“ werden, wie in den USA die Finanzministerin genannt wird. Sowohl Yellen als auch der designierte Außenminister Antony Blinken wissen aus eigener Erfahrung in hohen Staatsämtern den Wert internationaler Zusammenarbeit zu schätzen. Nach den Erschütterungen aus der Amtszeit von Trump, der den internationalen Handel und damit die ausfuhrabhängige Wirtschaft Europas schon vor der Pandemie in eine tiefe Krise gestürzt hatte, ist dies eine sehr gute Nachricht. Auch deshalb stehen die Konjunkturampeln in Deutschland und Europa für das kommende Jahr auf grün.

Aber welche Rückschlüsse können wir aus Bidens ersten Personalentscheidungen auf die Wirtschafts- und Finanzpolitik der USA in den kommenden Jahren ziehen?

Yellen vertritt nicht den linken Flügel der Demokraten. Sie ist eine brillante und faktensichere Ökonomin, die zudem noch mit einem Nobelpreisträger des Faches verheiratet ist. Sie versteht den US-Arbeitsmarkt und dessen oftmals beeindruckende Dynamik sehr genau. Sie wird zwar eine nach europäischen Maßstäben durchaus sozialdemokratisch angehauchte Politik betreiben. Aber übermäßige Steuererhöhungen, die der vermutlich weiterhin gespaltene Kongress ohnehin nicht verabschieden würde, sind von ihr nicht zu erwarten. Auch eine wachstumsschädliche Regulierungsflut würde sie nicht befürworten.

An der Spitze der US Notenbank galt Yellen zu Recht als Taube. Angesichts niedriger Inflationsraten plädierte sie im Zweifelsfall zumeist für eine lockere Geldpolitik. Gleichzeitig hat sie sich immer wieder dafür ausgesprochen, die Fiskalpolitik möge noch mehr tun, um bei konjunkturellen Schwächeanfällen die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zu stärken. Mit einer Schuldenbremse nach deutschem Vorbild hat sie nichts am Hut. Die staatliche Schuldenquote in den USA, die unter Donald Trump von 100 Prozent der Wirtschaftsleistung im Jahr 2016 auf jetzt knapp 130 Prozent hochgeschnellt ist, wird auch unter Yellen kaum sinken.

Ein neues Konjunkturpaket

Yellens erste Bewährungsprobe dürfte es sein, mit dem Kongress ein weiteres Konjunkturprogramm auszuhandeln. Die Chancen stehen gut, dass ihr das dank ihrer Erfahrung, Sachkenntnis und verbindlichen Art auch gelingen wird. Allerdings dürften die Republikaner im Senat, von denen sie vermutlich einige Stimmen brauchen wird, darauf hinwirken, dass das Paket wohl näher bei 1 Billion US Dollar für zehn Jahre als bei den von den Demokraten angestrebten über 2 Billionen liegen wird. Dies sind zwar sehr große Summen. Aber umgerechnet auf ein Einzeljahr wie 2021 dürfte der genaue Umfang des neuen Pakets für die US-Konjunktur höchstens einen Unterschied von einem halben Prozentpunkt im Wachstum ausmachen.

Europa würde zwar von einer noch stärkeren US-Nachfrage bei einem größeren Fiskalpaket ebenfalls profitieren. Bei uns würde die Differenz aber bestenfalls mit 0,1 Prozentpunkt unserer Wirtschaftsleistung zu Buche schlagen. Aus Sicht Europas und der Weltmärkte ist die Aussicht auf eine ruhigere Handelspolitik weit wichtiger als die genaue Stärke des US-Fiskalimpulses.

Anders als beim Konjunkturprogramm gibt es in den USA über die Parteigrenzen hinweg einen breiten Konsens: das Land muss wesentlich mehr in seine Infrastruktur investieren. Wenn die Nachwahlen zum Senat im Bundesstaat Georgia am 5. Januar vorbei sind, dürfte die gegenseitige Blockade der politischen Lager zumindest in dieser Frage nachlassen. Das Argument, der jeweils anderen Seite kurz vor einer wichtigen Wahl keinen Erfolg gönnen zu wollen, dürfte dann zumindest für das Jahr 2021 nicht mehr stichhaltig sein. Deshalb ist damit zu rechnen, dass der Kongress nach einigen Verhandlungen über Details einem Vorschlag Yellens zu wesentlich mehr Ausgaben für die Infrastruktur zustimmen wird.

Aktive Fiskalpolitik, weiche Geldpolitik

Eine bessere Besteuerung der nahezu monopolartigen Gewinne der US-Internetgiganten und ein koordiniertes Vorgehen im Klimaschutz gehören zu den Anliegen Europas, die bei Yellen anders als bei ihren von Trump benannten Vorgänger auf offene Ohren stoßen dürften. Eine Grenzausgleichsabgabe für CO2-haltige Einfuhren, damit Unternehmen einen höheren inländischen Preis für CO2-Emissionen nicht durch die Verlagerung der Produktion an andere Standorte unterlaufen können, wäre mit Yellen zwar ein ambitioniertes aber zumindest nicht aussichtsloses Vorhaben.

In zwei wichtigen Punkten dürfte Yellen mit ihrem von Trump ernannten Nachfolger an der Spitze der US-Notenbank, Jerome Powell, ganz einer Meinung sein: beide befürworten eine aktive Fiskalpolitik und eine möglichst weiche Geldpolitik, die die Konjunktur solange energisch stützt, bis auch sozial benachteiligte Gruppen wieder den Einstieg in den Arbeitsmarkt gefunden haben. Yellen wird die Fed sicher darin bestärken, die Inflation dabei für einige Zeit auch über das eigentlich angestrebte Ziel von zwei Prozent steigen zu lassen.

Die Kombination einer lockeren Fiskal- und Geldpolitik birgt zwar auf Dauer einige Inflationsgefahren, denen dann – vielleicht in zwei bis drei Jahren – die Notenbank durch einen Schwenk zu einer etwas härteren Politik begegnen muss. Zunächst aber wird die Politik die Konjunktur anschieben. Sollte wider Erwarten in den kommenden Jahren eine neue Krise ausbrechen, dürfte es der krisenerprobten Yellen leicht fallen, darauf schnell und richtig zu reagieren. Auch das ist beruhigend für die USA und die Welt.

Schwächerer Dollar, stärkerer Euro

Für die kommenden Jahre zeichnet sich gutes Wachstum bei sehr niedrigen Zinsen ab. In diesem Umfeld werden Kapitalanleger gerne bereit sein, einige Risiken einzugehen. Deshalb rechnen wir damit, dass Kapital aus dem sicheren Hafen Dollar in andere Währungen abfließen wird. Auch wenn dies vor allem den Währungen einiger Schwellenländer zugutekommen dürfte, wird sich ein Abfluss von Mitteln aus dem Dollar vermutlich auch in einem niedrigeren Wechselkurs des Dollar zum Euro niederschlagen.

Als Finanzministerin eines Präsidenten Biden, dem Arbeitsplätze in den USA am Herzen liegen, dürfte Yellen diese Nebenwirkung der US-Finanz- und Geldpolitik kaum stören. Angesichts der großen Vorteile, die Bidens Rückkehr zu einem partnerschaftlichen Umgang mit Europa und anderen traditionellen Verbündeten der USA mit sich bringen dürfte, sollte auch die Eurozone einen etwas stärkeren Euro, der durchaus 1,25 zum US-Dollar erreichen könnte, nicht als Belastung empfinden.

 


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen. Weitere Kolumnen von Holger Schmieding finden Sie hier