CoronavirusChina: So erholt sich die Wirtschaft vom Coronavirus

Mitarbeiterinnen einer Molkerei in Harbin (China)
Mitarbeiterinnen einer Molkerei in Harbin (China)dpa

China erlaubt zurzeit einen Blick in die Zukunft. Denn während die Corona-Pandemie sich in Europa und den USA ausbreitet, ist das Gröbste in China bereits überwunden.

Doch zunächst die schlechte Nachricht: Die Zahlen, die am Montag veröffentlicht wurden, sind verheerend: Die Industrieproduktion fiel in den ersten beiden Monaten dieses Jahres um 13,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Verkauf im Einzelhandel ging um 20 Prozent zurück.

Die gute Nachricht: Das Schlimmste ist wahrscheinlich schon überwunden. Langsam kehrt etwas Normalität in die großen Städte der Ostküste zurück. Zaghaft öffnen Restaurants wieder und Menschen trauen sich auf die Straße.

Damit einher geht eine schrittweise Normalisierung der Wirtschaft: Apple gab am Freitag bekannt, seine 42 Geschäfte auf dem Festland wieder zu öffnen – und verkündete zeitgleich, Filialen in Europa und den USA zu schließen. Auch die Kaffeehauskette Starbucks öffnet wieder. Von offizieller Seite heißt es, 95 Prozent der großen Unternehmen außerhalb Hubeis und 60 Prozent der kleineren Firmen hätten mittlerweile ihren Betrieb wieder aufgenommen.

Ökonom: Wachstumsziel von fünf Prozent extrem unwahrscheinlich

„Die Wirtschaft stottert nach wie vor“, sagt Jörg Wuttke, Vorsitzender der europäischen Handelskammer in Peking. „Alle versuchen, Lieferketten wieder in den Griff zu bekommen. Das funktioniert aber regional sehr unterschiedlich. In Shanghai sieht es gut aus, der Container-Hafen läuft fast wieder auf Normalbetrieb. Auch die Automobil-Branche produziert mittlerweile wieder fast auf Vorkrisen-Niveau.“

Schlechter sehe es bei kleineren und mittleren Betrieben aus: Offiziell arbeiten 60 Prozent wieder. Vielen fehlen aber noch immer die Arbeitskräfte und ihre Cash-Reserven gehen zur Neige. Besonders der Service-Sektor leidet massiv.

Der unabhängige Ökonom Hu Xingdou geht deshalb von einer Pleitewelle aus, die in den kommenden Monaten kleinere Unternehmen erfassen könne. Die Regierung versucht mit verschiedenen Maßnahmen gegenzusteuern: So können Steuern und Sozialbeiträge gestundet werden. Betroffene Unternehmen sollen spezielle Kredite bekommen können. „Das alles wird helfen, aber ich halte es für extrem unwahrscheinlich, das Wachstumsziel von fünf Prozent dieses Jahr aufrechterhalten zu können“, sagt er. „Erst im zweiten Quartal wird die Regierung die meisten Beschränkungen aufheben und die Wirtschaft sich wieder normalisieren.“

Schätzungen zufolge sind hundert Millionen Wanderarbeiter noch immer in ihren Heimatdörfern und nicht an ihre Arbeitsplätze zurückgekehrt. Deren fehlendes Einkommen wiederum wird sich negativ auf den Konsum auswirken. „Von Normalität sind wir also noch weit entfernt – auch wenn es aufwärts geht“, sagt Wuttke.

Klar aber ist auch: Die erhoffte V-förmige Erholung der Wirtschaft wird ausbleiben. Denn die meisten Unternehmen in China produzieren für den chinesischen Markt. Noch aber ist gar nicht klar, was der Nachfrage-Einbruch im Rest der Welt für China bedeutet. Der Einbruch in den USA und Europa ist noch nicht berücksichtigt.


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Sorge vor Neuinfektionen aus dem Ausland

Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage der Europäischen Handelskammer in Peking geht die Hälfte aller befragten Unternehmen von einem zweistelligen Umsatzrückgang im ersten Halbjahr aus.

Für die ausländischen Unternehmen sind momentan die Einreisebestimmungen und Quarantäne-Maßnahmen ein großes Problem. Der vergangene Samstag war der zweite Tag, an dem mehr Neuinfektionen aus anderen Ländern nach China gebracht wurden, als im Land selbst entstanden. Insgesamt waren das am Samstag 20 Fälle, 16 davon waren Reisende, vier in der Provinz Wuhan.

Und so konzentriert man sich in China jetzt darauf, das Land gegen eingeschleppte Infektionen aus dem Ausland abzuschirmen. Jeder Ausländer, der nach Peking einreist, muss sich nun für zwei Wochen in ein Quarantäne-Hotel begeben. „In Labors oder für Geschäftsabschlüsse muss man physisch anwesend sein“, so Wuttke. „Diese Reisebehinderungen werden unsere größten Probleme sein.“

Hinzu kommen rechtliche Unklarheiten–  teilweise gelten unterschiedliche Regelungen in einzelnen Stadtvierteln und sogar Mietblöcken. Schließlich ist noch die Frage, ob viele ausländischer Unternehmen die Corona-Krise nicht zum Anlass nehmen, langfristig ihre Lieferketten zu diversifizieren.

Der Blick nach China kann also einerseits beruhigen: Nach etwa vier Wochen wird es langsam wieder aufwärts gehen. Die Effekte der Pandemie werden die Weltwirtschaft andererseits aber noch lange beschäftigen.


Philipp Mattheis berichtet für Capital aus China. Von 2012 bis 2015 war er China-Korrespondent für die Wirtschaftswoche