WeltwirtschaftCoronavirus: Es gibt kein Zurück zur Vorkrisen-Normalität

Die Kurse haben sich erholt, doch die Stimmung an der Wall Street ist weiterhin angespanntdpa

Wenn wir eine simple Lehre aus der Wucht ziehen wollen, mit der die Märkte vergangene Woche ins Bodenlose fielen, dann lautet sie: Komplexität birgt Zerbrechlichkeit. Der Ausbruch des Coronavirus führt uns drastisch vor Augen, wie verwundbar unsere hochgradig verwobenen Volkswirtschaften und globalen Lieferketten sind – analog zum japanischen Tsunami 2011 und den Überschwemmungen in Thailand, die die Auto- und Elektronikindustrie bedrohten, oder zum Erdbeben in Taiwan 1999, das die Halbleiterfertigung zum Stillstand brachte.

Nun ist der Auslöser ein Krankheitserreger, der sich von China ausbreitet, das noch immer die Werkbank der Welt ist und ihre zweitgrößte Volkswirtschaft. Es geschieht zu einer Zeit, da die US-Politik völlig im Fluss ist, und wir finden uns in einem Zustand wieder, den der Begründer des Bridgewater Hedgefunds Ray Dalio vor kurzem einen „Paradigmenwechsel“ nannte – sowohl für die Märkte wie für die Realwirtschaft. Wir erleben den Beginn einer neuen Ära, in der kaum eine der alten Regeln uns noch Orientierung gibt.

Goldman Sachs warnte vergangene Woche, dass Anleger sich in diesem Jahr auf  Nullwachstum bei den Renditen amerikanischer Konzerne einstellen sollten, hauptsächlich wegen der wachsenden Auswirkungen des Virus. Aber die Frage scheint eher, mit welchen Gewinnen große Unternehmen überhaupt noch rechnen können, sobald die Infektionswelle ihre volle Wirkung entfaltet und außerdem die Ergebnisse der US-Präsidentschaftswahlen im November feststehen.

Trend zur Entkopplung der Weltwirtschaft

In dieser neuen unberechenbaren Ära entwickelt sich ein kräftiger Gegenwind zu den wichtigsten Kräften, die in den vergangenen 40 Jahren die Gewinnmargen in die Höhe getrieben haben. Das waren die Globalisierung, die zunehmende Unternehmenskonzentration, die niedrigere Steuerlast für Unternehmen gegenüber  Arbeitnehmern und der Wohlstandskuchen, von dem sich die Unternehmen ein größer werdendes Stück abschneiden konnten, während das für die Beschäftigten kleiner wurde.

Die üppigen Margen der durchoptimierten und extrem komplexen multinationalen Konzerne von heute sind größtenteils darauf zurückzuführen, dass sie ihre Produktion in China angesiedeln konnten, um in den USA und Europa zu verkaufen, und Vermögen dort zu horten, wo es am meisten Sinn macht ­– vor allem unter solch günstigen Rahmenbedingungen, die Steueroasen wie Hongkong, Irland oder die Cayman Inseln bieten.

Der Gründungspartner von Gavekal, Charles Gave, schrieb in einer Kundennotiz vergangene Woche, heutige Unternehmen hätten einen Grad von Optimierung, Tempo und Hochleistung erreicht, der mit dem Rugbyspieler Manu Tuilagi vergleichbar sei. „Wie England-Fans aber wissen, liegt Tuilagis Problem darin, dass er aufgrund von Verletzungen selten zur Verfügung steht, um sich das weiße Trikot überziehen zu können. Je optimierter ein System ist, desto zerbrechlicher wird es potenziell.“

Ich habe mich schon etliche Jahre gefragt, wann die Zerbrechlichkeit, die komplexen global agierenden Konzernen innewohnt, einen Wandel in den Geschäftsmodellen erzwingen würde. Und ich denke, dieser Moment ist gekommen. Ich glaube, das Coronavirus wird die Entkopplung der wirtschaftlichen Ökosysteme der USA und Chinas so beschleunigen, dass die Produktionsmuster zunehmend regionaler und lokaler werden.