US-Wahlen US-Wahlkampf: Biden versus Trump in ansteckenden Zeiten

US-Präsident Donald Trump
US-Präsident Donald Trump
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Die Corona-Pandemie und die möglichen Folgen für die Wirtschaft haben das Rennen um die Präsidentschaft erreicht

Abgesehen von viel Lärm ist es noch zu früh, die demokratische Nominierung für entschieden zu erklären. Zwar neigt der Kandidat Bernie Sanders dazu, seine Stimme zu erheben, und er ist noch nicht aus dem Rennen. Aber über das Ergebnis gibt es keinen großen Zweifel mehr. Die Siege von Joe Biden in mindestens vier der sechs US-Bundesstaaten, die an dem „Mini-Super-Dienstag“ dieser Woche abgestimmt haben – und in vier davon hatte Sanders 2016 Hillary Clinton besiegt – bescheren dem ehemaligen Vizepräsidenten eine fast unschlagbare Führung.

Die Vorwahlen nächste Woche in Florida, bei denen viele Delegierte im Spiel sind, könnten Biden außer Reichweite bringen. Die eigentliche Frage ist, wie lange es dauern wird, bis Sanders sich dem Unvermeidlichen beugt, und zu welchen Bedingungen. Von dieser spannungsgeladenen Verhandlung über den Preis, den Sanders für seine Unterstützung von Biden einfordert, wird abhängen, wie einig oder uneinig die Demokratische Partei in die Wahlen geht.

Allerdings hat sich die Debatte in Amerika schon vor diesen letzten Vorwahlen auf die Corona-Epidemie verlagert. Die düstere Realität des sich ausbreitenden Virus hat sich in den vergangenen Tagen mit hohem Tempo durchgesetzt. Während die politische Klasse über den nächsten Wahlgang spekulierte, erwachten die Amerikaner mit der Aussicht auf geschlossene Schulen, Fernarbeit, vorübergehende Entlassungen, anullierte Flüge und die über Nacht eingeführte Etikette des „sozialen Abstandhaltens“.

Trump sucht die Masse

Je mehr sich die amerikanische Reaktion schleichend der italienischen nähert, desto stärker kommt auch das hautnahe Live-Erlebnis der demokratischen Kampagnen zum Erliegen. Sowohl Biden wie auch Sanders haben künftige Kundgebungen abgesagt. Ihre nächste Debatte – die erste mit nur zwei Bewerbern – wird am Sonntag ohne Publikum stattfinden.

Zunehmend verdrängt die Frage, ob Amerika drastische Einschränkungen nach italienischem Vorbild einführen sollte, alles andere. Biden wollte am Donnerstag in einer Rede darlegen, wie er die Epidemie bekämpfen würde. Präsident Donald Trump hat bislang vor allem Verschwörungstheorien geschürt, dass die Demokraten die Ansteckungsgefahren der Lungenkrankheit maßlos übertreiben, um eine wirtschaftliche Rezession auszulösen. Kurz nach Bidens Absage weiterer Kundgebungen kündigte Trump seine eigene Massenveranstaltung an diesem Wochenende in Milwaukee an.

Wie das mit symbolischen Gesten so ist, könnte sich Trumps Gier nach öffentlichen Kundgebungen noch als rücksichtslos und folgenschwer erweisen. Es ist keine zwei Wochen her, da hatte er seinem Volk mitgeteilt, dass die Zahl der Coronavirus-Infektionen wahrscheinlich wieder auf Null sinken werde. Zu der Zeit gab es 15 Infektionen. Inzwischen sind es über 1000 bestätigte Fälle. Würden die USA ihre Bürger im gleichen Umfang testen wie andere Länder, läge die wahre Zahl nach Schätzungen von Epidemiologen vermutlich bei 20.000, mit exponentiellem Anstieg. Die Kluft zwischen den Äußerungen Trumps und der Realität lässt sich auf Twitter eben nicht reparieren.

Der Wahlkampf wird zunehmend hässlicher

Was den Wahlkampf noch beherrscht ist ein zunehmend hässlicher Austausch über die mentale Gesundheit. Trump verbreitet, dass Biden „nicht weiß, wo er gerade ist oder was er tut“. Trumps persönlicher Anwalt Rudy Giuliani hält Biden gar für „dement“. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass Biden an etwas anderem leidet als am Altwerden und einem angeborenen Stottern. Sein Team ist bemüht, mögliche Peinlichkeiten oder „Bidenisms" auf ein Minimum zu reduzieren, indem sie seine Ansprachen vor Publikum auf wenige Minuten begrenzen.

Trumps Team hat keine solche Kontrolle über Länge oder Inhalt seiner Auftritte. Derweil verstärkt Trumps Behauptung, er wisse mehr über Epidemien als die Experten – auch weil sein Onkel Wissenschaftler war – die Frage nach seiner eigenen psychischen Gesundheit. Biden antwortete in dem Sinn. Vor einigen Tagen machte er sich darüber lustig, dass Trump sich als „sehr stabiles Genie“ bezeichnet hatte.

So eine Debatte braut sich inmitten einer Epidemie zusammen, die die US-Wirtschaft in die Rezession stürzen kann. Bloomberg-Prognosen beziffern die Wahrscheinlichkeit im Durchschnitt inzwischen auf mehr als 50 Prozent. Kippt die Wirtschaft, würde das die Chancen Trumps auf eine Wiederwahl stark beeinträchtigen – ebenso wie die Wahrnehmung, dass der Präsident falsch mit der Epidemie umgeht.

Schulterklopfen statt Händeschütteln

Nicht zuletzt besteht ein nicht zu vernachlässigendes Risiko, dass Trump, Biden und Sanders auf ihrer Wahlkampftour mit dem Virus in Kontakt kommen. Jeder von ihnen schüttelt wahrscheinlich mehr Hände als jeder andere Amerikaner. Selbst mit Schulterklopfen und Hände Desinfizieren können sie sich kaum daran halten, gebührenden Abstand zu ihren Mitmenschen zu halten. Mit über 70 Lebensjahren sind die Präsidentschaftskandidaten in der sehr hohen Risikoklasse.

All dies verleiht den üblichen Wahlklischees „es steht viel auf dem Spiel“ eine ganz andere Bedeutung. Wir erleben einen Präsidentschaftswahlkampf über die geistige Gesundheit der Kandidaten. Und wir erleben Politik in einer Zeit der Ansteckung.

Copyright The Financial Times Limited 2020


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