Déjà-vuWer regiert die Singapur GmbH?

Seit fast 60 Jahren regiert die Familie von Staatsgründer Lee Kuan Yew SingapurPixabay

Bis Januar 2021 soll es so weit sein: Spätestens dann will Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong sein Regierungsamt aufgeben. Wer sein Nachfolger werden soll, steht bereits seit Ende November fest: der amtierende Finanzminister Heng Swee Keat. Und weil im erfolgreichsten Staat Asiens seit dessen Gründung im Jahr 1963 immer alles so kommt, wie es die Regierungspartei plant, stellen sich die Untertanen schon auf den neuen Mann ein.

Seit fast 60 Jahren regiert die Lee-Sippe den Stadtstaat an der Südspitze der Malaiischen Halbinsel wie einen Familienbetrieb. Der Staatsgründer Lee Kuan Yew – eine der faszinierendsten Figuren des asiatischen Aufbruchs – amtierte offiziell bis 1990, hielt aber bis 2004 als „Senior Minister“ weiter alle wichtigen Fäden in der Hand. Danach kam sein ältester Sohn Lee Hsien Loong dran, der derzeitige Amtsinhaber. Der Mann, der sich dazwischen Ministerpräsident nennen durfte, war von Anfang an nur der Sesselhalter für den Spross des Staatsgründers.

Die neue Capital erscheint am 20. Dezember

Bis zum Tod des Alten im Jahr 2015 hielt die Sippe eisern zusammen. Doch damit ist seit einiger Zeit Schluss. Lee Hsien Loong liegt mit zwei jüngeren Brüdern über Kreuz, Singapurs Justiz ermittelt gegen einen Neffen des Regierungschefs, die Familie wäscht in aller Öffentlichkeit schmutzige Wäsche.

Die lange Phase der politischen Stabilität unter der Regentschaft der Sippe war die Voraussetzung für den Aufstieg des 5,6-Millionen-Einwohner-Staats. Aber ein echter Machtwechsel – weg von der Familie – ist seit vielen Jahren überfällig. In seinem schlichten Büro in Singapur sagte mir Lee Kuan Yew 1997 selbst: „Wir leben in einer darwinistischen Welt, die jedes menschliche Organisationssystem dem Test der Geschichte unterzieht.“ Das gilt auch für das System Singapur: Was in der Vergangenheit gut war, reicht nicht mehr für die Zukunft.

Heng Swee Keat könnte der richtige Mann sein

Singapur ist heute die wohl modernste, auf jeden Fall aber am besten organisierte Stadt Asiens. Sie lebt zunehmend von ihrer Rolle als Kreativachse für die ganze Region. Wenn der Stadtstaat diesen Weg weitergehen will, braucht er jedoch jetzt ein offeneres Regierungssystem – und nicht die weitere Herrschaft einer einzigen Familie.

Heng Swee Keat könnte der richtige Mann sein, um diesen Übergang zu organisieren. Als ehemaliger Assistent Lee Kuan Yews und langjähriger Vertrauter von dessen Sohn wird der neue Mann keinen offenen Konflikt mit der Familie provozieren. Trotzdem trauen ihm viele das Selbstbewusstsein zu, vorsichtig etwas mehr Demokratie zu wagen – vorausgesetzt, die Lees lassen ihn. Denn manche schließen nicht aus, dass sich Lee Hsien Loong wie sein Vater eine Art Oberaufsicht über die Regierung vorbehält. Andere gehen beharrlich davon aus, dass am Ende doch noch ein Sohn des Premiers ans Ruder kommt – und Heng nur eine Übergangsfigur bleibt.

Mit anderen Worten: Viele in Singapur können sich das Land ohne einen Lee-Regenten schlicht nicht vorstellen. Sollte es aber tatsächlich so kommen, droht am Ende das Szenario, das wir aus vielen Familienunternehmen kennen: Die Alten errichten das Erbe, die Söhne bewahren es, die Enkel verspielen es.