Déjà-vuWarum Unternehmen keine Vizechefs brauchen

Chefwechsel bei BASF: Kurt Bock übergibt an Martin Brudermüller
Chefwechsel bei BASF: Kurt Bock übergibt an Martin Brudermüller dpa

Eine Probezeit für einen Konzernchef? Das gibt es eigentlich nicht. In Hamburg beim Nivea-Konzern Beiersdorf schon. Der misstrauische Mehrheitseigner Günter Herz machte den Belgier Stefan De Loecker vergangenen Juli erst zum stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden, nur um ihn nun zum 1. Januar 2019 zum Vorstandsvorsitzenden zu befördern. In den letzten Monaten durfte der 51-Jährige unter den wachsamen Blicken des Aufsichtsrats üben, wie man als Chef so arbeitet.

Mit sechs Monaten Probezeit kommt De Loecker noch gut weg. Bei der BASF SE kreiste Martin Brudermüller sieben Jahre in der Warteschleife: Der Konzern machte ihn 2011 zum stellvertretenden Vorstandschef und im Mai dieses Jahres zum Chef. Oft musste sich Brudermüller den bösen Spott anhören, er sei der „Prinz Charles der deutschen Industrie“: der ewige Thronfolger, der sein Erbe einfach nicht antreten darf. Immerhin kam die Beförderung dann schließlich doch noch.

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Anders bei der Deutschen Bank: Dort schmückte der Aufsichtsrat den Investmentprofi Marcus Schenck im Frühjahr 2017 mit dem Stellvertretertitel, nur um ihn ein knappes Jahr später aus dem Vorstand zu verabschieden. Stattdessen darf sich jetzt Karl von Rohr, der oberste Personalmann der Bank, stellvertretender Vorstandschef nennen. Dabei scheint in seinem Fall klar, dass er Stellvertreter bleiben und niemals Chef werden wird. Warum man ihn trotzdem mit dem Sondertitel ausstatten musste? Versteht außerhalb der Bank niemand.

Das deutsche Aktienrecht sieht den Posten des Stellvertreters nicht vor. Streng genommen braucht eine AG nicht einmal einen Chef, sondern nur einen Vorstand. § 77 verpflichtet dessen Mitglieder explizit zur „gemeinschaftlichen“ Geschäftsführung. Nach § 84 „kann“ der Aufsichtsrat allerdings einen Vorstandsvorsitzenden als Primus inter Pares berufen. In allen Dax-30-Konzernen ist das passiert. Die allermeisten von ihnen kommen ohne einen Stellvertreter aus. Und das ist auch gut so.

Konzerne brauchen einen klaren Chef, keine zusätzlichen Halbchefs. Faktisch werten Aufsichtsräte ihre Vorstände ab, wenn sie einen Stellvertreter ernennen. Ohnehin sind es letztlich die normalen Vorstandsmitglieder, die mit ihren selbst verwalteten Ressorts über das Wohl und Wehe eines Konzerns entscheiden. Man kann die Gemengelage ein bisschen mit der Politik vergleichen: Die Bundeskanzlerin kann im Zweifel auf ihre Richtlinienkompetenz pochen. Der Vizekanzler darf die Sitzungen leiten, wenn sie nicht da ist, mehr nicht. Und die eigentliche Macht liegt bei den Ministern, die sich nicht in ihre Ressorts reinreden lassen.

Sollte ein Stellvertreter wirklich versuchen, sich über seine Vorstandskollegen zu erheben, droht sofort ein Machtkampf mit dem Chef. Denn zwei Machtzentren kann es in einem Vorstand nicht geben, ohne das Unternehmen zu gefährden. Auch zur Nachfolgeplanung taugt die Berufung eines Stellvertreters nicht: Aktionäre und Aufsichtsräte tun gut daran, den alten Chef nicht vorzeitig zur lahmen Ente zu machen – und ehrgeizigen Vorständen nicht die Aussicht zu nehmen, später zum Chef aufsteigen zu können.