Déjà-vuRowohlt-Streit: Lehrstunde über die Ökonomie des Buchmachens

Rowohlt-Stand auf der Frankfurter Buchmesse
Rowohlt-Stand auf der Frankfurter Buchmessedpa

Seit Mitte September hält es viele Rowohlt-Autoren nicht mehr an den Stehpulten und Schreibtischen. Der Grund: Die bisherige Verlagschefin Barbara Laugwitz muss gehen, Anfang Januar tritt Florian Illies die Nachfolge an. Die Wut über diese Entscheidung des Eigentümers Stefan von Holtzbrinck treibt die Schreiber auf die Barrikaden. Alle Feuilletonisten der Republik echauffieren sich mit ihnen – und selbst das „Handelsblatt“ wagt sich ins intellektuelle Getümmel: Selten habe es bei einem Personalwechsel in einem Verlag „so viel Wirbel“ gegeben.

Die neue Capital ist am 18. Oktober erschienen
Die neue Capital ist am 18. Oktober erschienen

Wie man sich irren kann. Eigentlich sorgt fast jeder Verlegerwechsel für öffentlichen Streit. Bei Rowohlt brachten die Autoren schon einmal fast den Verlagsbetrieb zum Stillstand. Vor gut 30 Jahren unterzeichneten dort gleich 150 Schriftsteller „äußerst besorgt“ eine Protesterklärung gegen einen Wechsel an der Spitze des Verlags. Besonders beklagten sich die Autoren über die „unwürdigen Umstände“ der ganzen Angelegenheit, die „von oben oktroyierte Management-Entscheidung“ und die „Herrschaft eines Konzerns“. Also mit all den wohlfeilen Worten, die auch jetzt wieder zu hören sind. Damals setzten die Protestler aber sogar noch einen drauf: Sie forderten den neuen Verlagschef ultimativ auf, sein Amt gar nicht erst anzutreten.

Glücklicherweise hielt sich der Neuling nicht an diese Forderung – und mauserte sich stattdessen zu einem der erfolgreichsten und beliebtesten Verleger in Deutschland. Die Rede ist von Michael Naumann, dem späteren „Zeit“-Herausgeber.

Gesucht sind Bestseller, sonst gar nichts

Einen großen Unterschied aber gibt es zwischen damals und heute: 1985 konnte ein Buchverleger noch wirklich etwas bewegen. Die Branche boomte, und die Chefs der Verlage fühlten sich nicht nur als Chefintellektuelle der Republik, sie regierten auch wie Duodezfürsten mit uneingeschränkter Macht.

Davon kann in den durchkalkulierten Konzernen, die heute Bücher unters Volk bringen, keine Rede mehr sein. Der neue Verlagschef Illies bewegt sich bei Rowohlt, wie es im Konzernjargon heißt, nur auf „Managementebene 4“. Ganz oben verwaltet Stefan von Holtzbrinck seine „Publishing Group“ mit Dutzenden von Verlagen weltweit, gefolgt von seinem globalen Oberbuchmacher John Sargent, dem wiederum der „Deutschland-Chef“ Joerg Pfuhl zur Hand gehen darf. Erst dann kommen die Verlagsleiter von Rowohlt, S. Fischer oder Droemer Knaur.

In dieser schönen neuen Welt der industrialisierten, globalisierten und digitalisierten Medienproduktion ähneln die Durchschnittsautoren nur noch einem schlecht bezahlten geistigen Proletariat. Es zählen nur noch die wenigen Großschriftsteller, die sich mehr oder weniger weltweit vermarkten lassen und Millionenauflagen garantieren – Hollywoodverfilmung inklusive. Solche Starautoren braucht man heute für einen Medienbetrieb, weil sie den Rest des Ladens mitziehen. Der Aufstand der Plebejer kann den Verlagsoberen deshalb ziemlich egal sein. Wie schrieb doch Günter Grass, Nobelpreisträger, Dauerquerulant und Autor des Theaterstücks mit dem Plebejer-Aufstand im Titel? In der heutigen Zeit verkommt die Literatur zum Anachronismus. Gesucht sind Bestseller, sonst gar nichts.