GastkommentarVier-Tage-Woche in Finnland: Fake News? Good News!

Symbolbild Überstunden
Symbolbild Arbeitszeitdpa

Die Nachricht, wonach die finnische Regierungschefin Sanna Marin die Vier-Tage-Woche einführen wolle, war wohl nur eine Art Falschmeldung. Die finnische Regierung hat inzwischen erklärt, dass dieses Vorhaben nicht in ihrem Regierungsprogramm steht. Die entsprechende Aussage von Sanna Marin ist bereits ein Jahr alt. Sie stammt aus der Zeit, als sie noch Verkehrsministerin war. Sanna Marin hat sie nicht dementiert – „warum sollte sie auch?“. Und sie hat eine weltweite Debatte innerhalb kürzester Zeit ausgelöst. Diese Debatte bedeutet: „Good News“! Denn es geht um einen Kulturwandel in der Arbeitswelt, den wir dringend brauchen.

Die Idee der Vier-Tage-Woche ist nicht neu. Über Unternehmer wie Jan Eppers und Lasse Rheingans, die bereits erfolgreich mit einer wesentlich kürzeren Arbeitswoche wirtschaften, wurde umfangreich berichtet; Microsoft in Japan hat kürzlich eine positive Bilanz aus dem Test der 4-Tage-Woche gezogen. Gerade die Entwicklung der Nachricht um die Aussage von Marin zeigt aber, dass es nicht um die Idee an sich geht. Es geht vielmehr darum, dass eine Person mit Macht und Verantwortung das (übrigens nachgewiesene) Bedürfnis der Menschen für legitim erklärt, neben ihrer Erwerbsarbeit auch Zeit für Familie (Sorgearbeit) und Eigensorge, sowie für gesellschaftliches Engagement zu haben.

Vor allem Frauen leiden unter der Vollzeitnorm

Wir brauchen diesen Kulturwandel in Zeiten stark ansteigender psychischer Erkrankungen vor allem zum Schutz der Gesundheit der Beschäftigten, die dem Arbeitsleben immer länger zur Verfügung stehen sollen. Arbeitszeiten jenseits der Vollzeitnorm dürfen kein Diskriminierungsmerkmal mehr sein. Es geht dabei auch um das Schließen all der „gaps“, die in Deutschland Frauen noch immer die verfassungsrechtlich zugesicherte Gleichstellung versagen: gender time gap, gender pay gap, gender care gap und gender pension gap.

Sie alle stehen im direkten Zusammenhang mit der Norm der langen Vollzeit. Denn Familien, in denen Sorgearbeit geleistet werden muss, geraten an Grenzen, wenn beide Eltern dem Arbeitsmarkt zusammen für 70 bis 80 Stunden zur Verfügung stehen müssen, plus Fahrtzeiten. Und ja, flexiblere Arbeitszeiten helfen sehr! Aber es bleibt dabei, dass der Tag nur 24 Stunden hat und Menschen auch Ruhe und Schlaf brauchen.

Mehr Zeit für die Familie

Die negativen Auswirkungen dieser Unvereinbarkeit partnerschaftlicher Vollzeitarbeit mit Sorgearbeit tragen Frauen, die am beruflichen Aufstieg, gleicher Bezahlung und dem erwirtschaften einer angemessenen Rente gehindert werden. Das wiederum betrifft uns alle, denn es hat Folgen für das Sozialsystem und die Demographie. Wollen wir wirklich in einer Gesellschaft leben, in der bestens ausgebildete, womöglich bereits beruflich erfolgreiche Frauen gefragt werden: “Du willst Kinder? Warum willst Du Dir das antun?“

Damit meine ich nicht nur, dass Sorgearbeit viel anstrengende Arbeit ist, nicht etwa nur „quality time“ mit Milchkaffee. Ich meine auch ganz persönlich mein Herz als Mutter, an dem es schmerzhaft zerrt. Denn die Kinder können sich in der Debatte um die Wochenarbeitszeit auf der großen Bühne leider nicht einbringen. Uns fragen sie aber am Abendbrottisch, ob sie auch mal zur Mittagszeit aus Hort und Kita abgeholt werden. Wer trägt die Kosten der Arbeitszeit, die ausfällt, wenn wir den Kindern diesen Wunsch erfüllen? Mal einen Nachmittag haben, um in Ruhe bei den Hausaufgaben zu helfen?