Management Schluss mit Bullshit-Bingo

Englische Business-Phrasen können nerven. Sich darüber aufzuregen, bringt aber nichts. Sie gehören zur Unternehmenskultur.
Lars Vollmer
Lars Vollmer
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Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Zurück an die Arbeit - Wie aus Business-Theatern wieder echte Unternehmen werden", Linde Verlag, Februar 2016

„Leute, wir brauchen mehr Commitment. Wenn wir mit den anderen Global Playern mithalten wollen, muss unsere Arbeitsweise voll unser Business Alignment widerspiegeln. Und bitte haltet euch an die Corporate Identity. Sonst können wir das mit dem Success vergessen.“ Bingo. Na, wie viele von Ihnen haben wohl schon Bullshit Bingo gespielt? Ihnen fallen sicherlich noch einige Wörter ein, mit denen die „wichtigen“ Leute im Meeting gerne um sich werfen und die zum Teil den Atem nicht wert sind, mit dem sie gesprochen wurden – weil völlig bedeutungsleer. „Kann man das nicht auch in deutsch sagen?“ Ich rege mich auf – ja, so richtig! Aber stopp! Nicht über die Phrasendrescher, die mit kruden deutsch-englischen Wortmischungen oder hohlen Aufforderungen um sich werfen – sondern über die Bullshit-Bingo-Spieler.

Mit der Machete durch das Dickicht


Sicherlich nervt es, wenn in Meetings ständig die gleichen Phrasen durch den Raum geschleudert werden, aber letztlich keinen Effekt haben. Aber noch weniger Effekt hat es, wenn Sie sich darüber aufregen. Bloße Zeitverschwendung ist das. Mehr nicht. Und mehr noch: Phrasendrescherei gehört zur Kultur vieler Unternehmen. Nur anders, als Sie jetzt vielleicht glauben, will ich das gar nicht verteufeln. Ich stelle es bloß fest. Denn Kultur ist weder gut noch schlecht. Sie ist. Stellen Sie sich einen unberührten Urwald vor. Bei der ersten Begegnung sind zugleich keine und alle Wege denkbar. Niemand weiß, was passieren wird. Plötzlich beginnt jemand, sich mit der Machete einen Weg durch das Dickicht zu schlagen – und es entsteht der erste Pfad. Möglicherweise ist dieser für den Nachfolger schon prägend. Aber vielleicht wählt er auch einen anderen. Irgendwann bilden sich Pfade heraus, die besonders gut ausgetreten sind. Auf diesen breiten Pfaden wandert man dann mit deutlich größerer Wahrscheinlichkeit, als auf den selten oder noch nie begangenen Schneisen. Und von diesen bewährten Wegen wird nicht – oder nur mit sehr kleiner Wahrscheinlichkeit – abgewichen. Sollte sich jemand also hinstellen und dazu appellieren, andere Wege zu nutzen – Wege, die angeblich kürzer sind – so wird das wahrscheinlich niemand beherzigen. Zu groß ist das Risiko.

Das heißt nicht Commitment, das heißt Einsatz


Die Unternehmenskultur ist so ähnlich wie der ausgetretene Pfad im Urwald. Sie wirkt wie ein Kraftfeld auf das Verhalten der Mitarbeiter. Wer neu im Unternehmen ist, weiß schnell, wo es lang geht. Ideen für neue Pfade – und mögen sie auch noch so wertvollen Proviant oder verlockende Schlafstellen versprechen – haben es schwer. Denn sie würden es erfordern, sich durch einen verwachsenen Wald durchzukämpfen. Also: Jeder, der Teil des Systems sein will, nimmt diese Kultur besser in Gebrauch. Verstehen Sie mich nicht falsch: Es ist kein Muss, sich der Riege derer anzuschließen, die besonders gerne englische Wörter verwenden – oder Vokabeln, die sie in irgendeinem Führungskräfte-Coaching gelernt haben. Natürlich könnten Sie versuchen, andere Wörter zu benutzen, die Ihnen besser passen. Sie könnten beispielsweise „Commitment“ aus Ihrem Wortschatz streichen und stattdessen lieber „Einsatz“ sagen. Aber dann stellt sich eben die Frage, ob Ihre Art der Kommunikation dann noch anschlussfähig ist im Unternehmen. Unter Umständen könnten Sie damit nämlich Verwunderung hervorrufen oder sogar den Ausschluss aus der Kommunikation riskieren. Schlichtweg, weil Sie niemand mehr versteht.

Das Gegenteil dessen, was Sie wollen


Sie können also ruhig beobachten, dass der Chef ständig eine englische Vokabel verwendet, und sich darüber lustig machen. Das sorgt bestimmt für den ein oder anderen Lacher in der Teeküche. Und Sie können auch bestimmt Sympathiepunkte bei Ihren meetinggeplagten Kollegen sammeln, da bin ich mir sicher. Aber Sie verändern damit bestimmt nicht die Kultur. Machen Sie sich keine Hoffnung. Sie erreichen höchstens, dass das Karikieren der vorherrschenden Kommunikation ebenfalls Teil der Kultur wird – und dass die von Ihnen so ungeliebte Vokabelwahl noch stabiler wird, weil allen Beteiligten erst richtig bewusst wird, was deren Bestandteile sind. Denn wenn die Kommunikation und Ausdrucksweise hervorgehoben wird, weiß irgendwann auch der Praktikant, dass man im Unternehmen gerne „Alignment“ statt „Ausrichtung“ sagt. Oder kurz: Wenn Menschen über ihre Kultur meckern, wird sie dadurch erst recht zementiert. Mal ganz abgesehen davon, dass es rein gar nichts zur Wertschöpfung beiträgt, wenn Sie sich über Wörter aufregen.

Wortwahl? Irrelevant!


Aber sind wir doch einmal ehrlich: Letztlich ist es völlig egal, ob Ihnen die Art der Kommunikation im Unternehmen und die Wortwahl des Chefs und der Kollegen gefällt oder nicht. Die einzig entscheidende Frage bei jeder Kommunikation ist: Ist sie anschlussfähig, also setzt sie sich fort? Richten Sie Ihr Augenmerk also lieber darauf, ob sich das Gesagte um Wertschöpfung dreht. Zugegeben, das tut sie in den meisten Fällen nicht. Das Problem liegt aber nicht darin, dass sich die Führungsriege auf die Fahnen geschrieben hat, nur noch englische Wörter zu verwenden. Das Problem sind auch nicht die Phrasen, die sie in einschlägiger Managementliteratur liest und fortan besonders gerne in ihre Monologe einbaut. Das Problem ist auch nicht, dass sich Mitarbeiter einen Spaß daraus machen, all diese Dinge zu verteufeln. Das Problem ist, dass die Struktur im Unternehmen eine solche Kommunikation überhaupt zulässt. Eine Kommunikation, die formale Struktur zementiert, aber sicherlich nicht dazu beiträgt, dass tatsächlich Kundenprobleme gelöst werden. Und das ist doch die eigentliche Aufgabe von Unternehmen: Werte schaffen. Ob das in deutscher oder englischer Sprache, mit viel Pathos oder monoton geschieht, ist letztlich irrelevant. Ich wünschte mir nur, die Bullshit-Bingo-Spieler würden aufhören, zusätzlich noch einen Nebenschauplatz aufzumachen, der mit dem eigentlichen Problem gar nichts zu tun hat.

Weitere Beiträge von Lars Vollmer: Schluss mit dem Business-Theater, Neues Jahr, neues Glück, Management von vorgestern, Oje, Oje VW und Das Tesla-Experiment



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