ManagementOje, oje VW!

VW-Chef Martin Winterkorn
Muss er gehen? VW-Chef Martin Winterkorn
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Lars Vollmer ist Unternehmensberater, Vortragsredner und Autor.Lars Vollmer ist Unternehmensberater, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Wrong Turn – Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen“, Orell Füssli April 2014


„Winterkorn ist an der Konzernspitze nicht mehr tragbar. Er muss gehen – so oder so.“ Klare Ansage, oder? Was Ferdinand Dudenhöffer fordert, ist auch der Tenor in der Öffentlichkeit zur Abgas-Affäre bei VW. Und auch der Aufsichtsrat kündigt schon personelle Konsequenzen an.

Irgendwie verständlich. Schließlich drohen dem Konzern durch den Betrug bei der Abgasuntersuchung Schadenersatzforderungen von zig Milliarden Euro. Die Aktie stürzt ins Bodenlose. Und was der massive Imageschaden für VW nach sich ziehen wird, können weder Sie noch ich vorhersagen.

Ja, bei solchen Zahlen ist es leicht, den Abgang Winterkorns zu fordern. Ich finde das voreilig.

Hat Winterkorn seinen Laden nicht im Griff?

Die Argumentation, Winterkorn hätte entweder von dem Betrug gewusst oder hätte seinen Laden nicht im Griff, halte ich nämlich für absoluten Nonsens – vor allem den zweiten Teil.

Sollte Winterkorn von der Software, die bei der Abgasuntersuchung die Emissionen automatisch reduziert, gewusst haben, sie gebilligt oder sogar selbst darüber entschieden haben, ist das klarer Betrug. Dass dafür an der Konzernspitze kein Platz ist, ist wohl jedem klar.

Aber der Vorwurf, Winterkorn hätte keine Kontrolle über seinen Konzern, entstammt einer paternalistischen Denkweise des vorletzten Jahrhunderts. Eine Organisation wie VW ist nicht nur umgangssprachlich, sondern auch im wissenschaftlichen Sinne komplex. Und ein komplexes System kann niemand „im Griff haben“. Kontrolle ist eine Illusion. Und darum ist es Unsinn, sie zu fordern oder auch nur davon auszugehen, dass sie überhaupt möglich ist. Winterkorn hat seinen Laden nicht im Griff? Natürlich nicht. So wie keine einzige Führungskraft dieser Welt.

Betrug ist sozial legitimiert

Bevor Sie nun aber denken, ich möchte Winterkorn aus der Verantwortung nehmen: Keinesfalls! Nur mache ich ihm einen ganz anderen Vorwurf: dass er Praktiken bei VW eingeführt, weitergeführt oder geduldet hat, die solches Fehlverhalten folgerichtig nach sich ziehen.

VW ist geprägt von einem Führungssystem aus Planung, Budgets, abgeleiteten Zielen, periodischen Reports und nicht zuletzt individuellen Zielvereinbarungen, die sich auf Faktoren wie Absatz, Qualität, Kostensenkung, Abgasreduzierung beziehen. You name it. Damit ist VW sicher in guter Gesellschaft. Dumm nur, dass diese Praktiken nicht selten zu Betrug führen. 

Warum?

Wenn es für ein Abgassystem beispielsweise keine Lösungsidee gibt, die der Zielsetzung gerecht wird, dann muss derjenige, der daran forscht und entwickelt, eine Entscheidung treffen: Gibt er zu, dass ihm im Moment noch keine Lösung zur Verfügung steht oder das Budget zur Entwicklung viel zu gering ist, gefährdet er damit auf kurz oder lang seinen Job. Festgesteckte Ziele nicht erreichen? Das kann er sich in einer solchen Kultur nicht lange erlauben. Oder aber er findet einen anderen Weg, seine Zielsetzung zu erfüllen – und die kann sich dann an der Grenze zwischen legal und illegal bewegen.