KommentarVW-Skandal ist die Rache der Realität


John Gapper ist Chef-Business Kommentator der Financial Times.  


„Die alten Diesel-Wahrheiten stimmen nicht mehr“, behauptet Volkswagen in seiner US-Werbung für Fahrzeuge mit Diesel-Treibstoff, die als „stinkend, qualmend und lahm“ galten. Nun stellt sich heraus, dass die Bemühungen VWs, das Bild von Dieselfahrzeugen zu verändern, offenbar den Betrug an US-Testverfahren umfassten.

Der steile Kurssturz der VW-Aktie am Montag spiegelt die Schwere der Vorwürfe wider – nämlich die US-Umweltschutzbehörde EPA vorsätzlich durch den Einsatz einer Software getäuscht zu haben, die Dieselmotoren von Modellen wie dem Golf und dem Jetta umweltfreundlicher erscheinen ließen als sie in Wirklichkeit waren. Allein die Tatsache, dass VW-Chef Martin Winterkorn öffentlich einräumt, „das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht“ zu haben, macht den Fall zu einer schweren Krise für das Unternehmen, das Toyota bis 2018 als weltgrößten Autobauer ablösen will.

Die Position Winterkorns, der im Frühjahr einen Angriff des früheren Aufsichtsratsvorsitzenden Ferdinand Piëch gegen sich zurückgeschlagen hatte, ist nun wieder in Gefahr. Der VW-Aufsichtsrat, der sich am Freitag trifft, wollte eigentlich über die Verlängerung von Winterkorns Vertrag bis 2018 beraten. Nun muss das Gremium eine Antwort auf die Krise finden.

Rückschlag für Diesel-Offensive

Der Betrug an Regulierungsbehörden und Regierungen gehört zu den schwerwiegendsten Dingen, die ein Unternehmen machen kann. Ein Beispiel war die Manipulation des Libor-Zinssatzes durch Händler von Banken wie Barclays, UBS und RBS, die zu Strafverfahren, Bußgeldern und Vergleichen in Höhe von 3,5 Mrd. Dollar führten.

VW muss nun nicht nur mit Strafen in Milliardenhöhe rechnen, sondern auch mit der Möglichkeit eines Strafverfahrens. Mit Winterkorn, der eine externe Untersuchung angekündigt und versprochen hat, „keine Regel- oder Gesetzesverstöße jedweder Art“ zu tolerieren, steht der VW-Vorstandsvorsitzende jetzt unter Druck.

Die Krise wirft aber auch einen Schatten auf die Anstrengungen der von VW angeführten europäischen Hersteller, den US-Markt zum sauberen Diesel zu bekehren. Die US-Verbraucher, abgeschreckt von früheren schmutzigen Diesel-Generationen, und die Regulierungsbehörden, die strenge Umweltnormen erlassen haben, waren ohnehin nur schwer zu überzeugen.