KolumneDie Lücke des Patriarchen

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Alle Macht des Menschen, schrieb der französische Schriftsteller Honoré de Balzac, besteht aus einer Mischung von Zeit und Geduld. Im Machtkampf bei VW fehlte dem Aufsichtsratsvorsitzenden  Ferdinand Piech am Schluss der nötige Langmut, um seinen Widersacher Martin Winterkorn zu zermürben. Hast und Eile kehrten sich gegen den Patriarchen. Ob mit dem Rücktritt Piechs, der ja ein wichtiger Eigentümer des Konzerns bleibt, wirklich Frieden einkehrt? Wohl kaum. Viel wichtiger aber ist die Frage: Braucht VW gegenwärtig vor allem Ruhe – oder nicht vielmehr produktive Unruhe? Und falls ja: Wer soll die Lücke füllen, die Piech als unermüdlicher Treiber von Veränderungen reißt?

Die Medien haben sich in den letzten Wochen mit Wonne auf die persönliche Auseinandersetzung zwischen Piech und Winterkorn kapriziert. Doch es ging in Wahrheit eben nicht nur um die Eitelkeit und den Ehrgeiz zweier alter Alphamänner. Der VW-Konzern steckt in einer strategischen Falle, wie man inzwischen immer deutlicher sehen kann. Seine Vision lautet bisher: So viele Autos wie möglich produzieren und endlich den Erzrivalen Toyota überholen. Das Ziel, mehr als zehn Millionen Pkws pro Jahr zu verkaufen, dominiert seit Jahren die Agenda des Wolfsburger Managements. Diese Strategie stammt von Martin Winterkorn, nicht von Ferdinand Piech. Man muss allerdings gerechterweise hinzufügen: Ohne das ausdrückliche Plazet des Aufsichtsratsvorsitzenden hätte der VW-Chef dieses Ziel wohl nicht ausgeben können.

Eigentlich wollte der VW-Konzern seine Zehn-Millionen-Marke erst 2018 erreichen. Doch schon im letzten Jahr konnte Winterkorn Vollzug melden. Doch wie so oft im Leben: Ist ein Ziel erst einmal erreicht, macht sich leicht Leere breit. So ist es gegenwärtig auch bei Volkswagen. Mehr noch: Inzwischen dämmert vielen Managern im Konzern, dass sie womöglich dem falschen Ziel nachgehechelt sind. 

Winterkorn steht für die Vergangenheit

Ein Vergleich macht die ganze Misere deutlich: Der VW-Konzern erzielte im letzten Jahr mit 10 Millionen verkauften Autos ein Betriebsergebnis von 12,7 Milliarden Euro, der BMW-Konzern mit gut zwei Millionen verkauften Autos dagegen knapp 9 Milliarden Euro. Nun verweisen die Wolfsburger in ihren Präsentationen natürlich immer auf die 5,2 Milliarden Euro, die sie zusätzlich mit ihren Joint-Ventures in China erlösen. Aber selbst dann gilt immer noch: Mit fünfmal so viel Autos erzielt der VW-Konzern nur einen doppelt so hohen Gewinn wie der Münchner Konkurrent. Auf die Dauer kann das nicht gut gehen.

Die große Frage aber ist: Kann man das China-Geschäft überhaupt ohne Wenn und Aber mitrechnen? Auch darum ging in diesen Wochen der Streit in Wolfsburg. Der VW-Konzern steht auf seinem wichtigsten Absatzmarkt in Wahrheit gar nicht so gut da wie viele meinen: Er hat sich an unsichere und schwierige Partner gekettet, die ihm zwar gegenwärtig einen fabelhaften Absatz verschaffen, langfristig aber viel lieber ohne VW auskommen möchten.

China ist nur ein Beispiel von mehreren für die These: Winterkorn steht für die erfolgreiche Vergangenheit, keineswegs aber für die bereits gesicherte Zukunft des Konzerns. Eine neue Strategie muss her – und Winterkorn ist für diese Wende möglicherweise nicht mehr der richtige Mann. Eigentümer denken in der Regel langfristiger als angestellte Manager. Vielleicht erklärt auch das die große Unruhe des Patriarchen Piech in den letzten Wochen. 

Hier geht es zur letzten Kolumne von Bernd Ziesemer: „Keine Spin-off-Prämie für Aktionäre“