KolumneKeine Spin-off-Prämie für Aktionäre

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Bernd Ziesemer ist neuer Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Bayer, Eon und Siemens tun es. Die Deutsche Bank, Metro und ThyssenKrupp, vielleicht irgendwann auch Beiersdorf, könnten folgen. Noch nie gab es so viele Konzerne in Deutschland, die einen wesentlichen Teil ihres Geschäfts abspalten wollen. Oder zumindest ernsthaft darüber nachdenken. Man kann von einer Welle sprechen, vielleicht sogar von einer Mode. Die große Frage dabei ist: Schaffen die Spin-offs tatsächlich einen langfristigen Mehrwert?

Bisher dreht sich die Debatte vor allem um die betriebswirtschaftlichen Vorteile solcher Abspaltungen. Eon argumentiert mit den geringen Synergien zwischen konventionellen Kraftwerken, die in eine neue Gesellschaft wandern, und den erneuerbaren Energien, die im Konzern bleiben. Bayer verwandelt sich durch die Trennung vom Chemiegeschäft in eine reine Pharma- und Pflanzenschutzfirma. Bei Siemens geht es vor allem um eine Fokussierung auf B-to-B-Geschäfte rund um die Energie. All diese Argumente machen Sinn – vor allem aus Sicht der Vorstände, die Komplexität reduzieren und Finanzmittel konzentrieren wollen.

Die Börsen reagieren zunächst fast immer positiv auf die Ankündigung eines Spin-offs. So war es beispielsweise bei Eon und Bayer an den ersten Handelstagen. Mittel- und langfristig profitieren die Aktionäre jedoch nicht. Das ergibt sich aus einer bahnbrechenden Studie an der Universität Tilburg, die vom August 2014 stammt, bisher aber in Deutschland kaum zur Kenntnis genommen wurde.

Spin-off-Prämie für Aktionäre ist ein Mythos

Sebastian Zweiphenning untersuchte dabei alle 90 Konzerne in Großbritannien, die zwischen Anfang 1987 und Ende 2010 Teile ihres Geschäfts abgespalten und an die Börse gebracht haben. In den ersten drei Handelstagen verzeichneten die Aktien im Durchschnitt einen außerordentlichen Kursgewinn von 4,46 Prozent im Vergleich zu anderen Konzernen ihrer Branche. Ganz anderes aber sah es langfristig aus. Aktionäre, die sowohl den Altkonzern als auch den Spin-off im Portfolio behielten, konnten auf Sicht von zwei Jahren keinerlei positive Effekte verbuchen im Vergleich zu anderen Branchenunternehmen.

Das Beispiel Großbritannien eignet sich deshalb so gut für einen Verbleich, weil dort viel mehr Spin-offs an die Börse gegangen sind als bei uns. Eine Untersuchung für Deutschland gibt es nicht. Wahrscheinlich ist die Zahl der bisherigen Fälle auch zu klein, um zu aussagekräftigen Werten zu kommen. Trotzdem wäre eine entsprechende Studie zu begrüßen.

Bis dahin kann man die angebliche Spin-off-Prämie für Aktionäre getrost als Mythos bezeichnen. Am besten fahren offenbar die Eigentümer, die ihre Aktien unmittelbar nach der Ankündigung eines Spin-offs verkaufen und eben nicht auf die positiven Langzeiteffekte warten, die ihnen die Vorstände der Konzerne versprechen.