ManagementSchluss mit dem Business‑Theater!

Lars Vollmer
Lars Vollmer
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Lars Vollmer ist Unternehmer, Vortragsredner und Autor. Zuletzt ist von ihm erschienen: „Wrong Turn – Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen“, Orell Füssli April 2014


„Ihr seid die Besten“, versichert der Vorstand. Solche oder ähnliche Aussagen sind auf jeder Jahresauftaktveranstaltung zu hören. Und die gibt es zuhauf, denn jedes Unternehmen, das etwas auf sich und seine Mitarbeiter hält, ruft im Januar alle zusammen, um sich selbst zu feiern und die Mitarbeiter mit dem Yes-we-can-Getue der Führungsmannschaft fürs neue Geschäftsjahr zu motivieren.

Und im Anschluss daran werden die obligatorischen Ziele auf- oder vorgestellt. Plattitüden wie „Das kommende Jahr wird das herausforderndste der Firmengeschichte“ oder „Der Wettbewerber schläft nicht, also ran an die Arbeit“, werden in den Saal geworfen. Die Mitarbeiter fühlen sich erst gebauchpinselt, dann macht sich Unruhe breit, denn alle werden in den kommenden Monaten die Extrameile gehen müssen.

Das ist so rituell, das ich mich fast schon fremdschäme.

Aber zum Schluss des Events ist alles wieder gut. Da applaudieren sich die Mitarbeiter auf Kommando von der Bühne sogar selbst. Nein, ich finde eher: Applaus für die Darsteller, die da großartiges Theater aufführen.

Aber bevor der Vorhang fällt und die Mitarbeiter sich wieder an die Arbeit machen, gibt es noch das Beste vom Abend: Alle sind gesellig beisammen und schießen sich zünftig ab – mit dem vom Chef gesponserten Alkohol versteht sich.

Viel blabla, und doch nichts zu sagen

Ich durfte dieses Jahr als Vortragsredner einige solcher Veranstaltungen großer Firmen beiwohnen und frischen Wind in die Unternehmen blasen. Fasziniert habe ich beobachtet, wie viel bei den Events geredet wird – aber trotzdem findet keine lebendige Kommunikation statt. Unglaublich, wie viel Zeit – und im Endeffekt auch Geld – dabei verschwendet wird.

Wenn ich darüber einmal reflektiere, frage ich mich: Stiften solche Veranstaltungen denn einen Nutzen? Für den Kunden? Für den Mitarbeiter? Und die wichtigste Frage: Helfen solche Veranstaltungen wertschöpfungsbezogene Probleme zu lösen? Bestimmt nicht!

Es geht dabei nämlich kaum darum, Innovationen weiterzuentwickeln, ein gemeinsames Verständnis der Strategie aufzubauen oder gar einen Mehrwert für die Kunden zu schaffen. Nein, ein derartiger Jahresauftakt erfüllt meines Erachtens eine ganz andere, tatsächlich wichtige sozial-hygienische Funktion: Er dient vornehmlich dem Strukturerhalt. Das Organigramm manifestiert sich. Jedem wird wieder in Erinnerung gerufen, wo oben und unten in der Organisation ist und welche Funktionen von welchen anderen ab-geteilt sind. So wird allen Beteiligten folkloristisch vor Augen geführt, wer wer ist und wer was darf. Mit diesen Veranstaltungen wird also die Unternehmensstruktur manifestiert. Prima.

Spielchen über Spielchen

Aber bevor ich mich hier in Rage rede und Sie das Gefühl bekommen, ich würde Jahresauftaktveranstaltungen grundsätzlich verteufeln: Das tue ich nicht. Sie sind eine Management-Praxis unter vielen, die nichts mit Wertschöpfung zu tun haben, für die die Arbeit in Unternehmen aber immer und immer wieder unterbrochen wird. Ja, manchmal habe ich das Gefühl, in Unternehmen wird viel zu wenig richtig gearbeitet und dafür viel zu viel Business-Theater aufgeführt.

Denn Praktiken, deren einziger Zweck es ist, die formale Struktur einer Organisation aufrechtzuerhalten gibt es zuhauf. Mir fallen da spontan noch Mitarbeitergespräche, Meetings, Budgetverhandlungen oder Reisekostenanträge ein.

Da kommt die Frage auf, wer das zu verantworten hat. Sind es machthungrige Manager? Oder faule Mitarbeiter? Weder noch, würde ich sagen. Das Problem liegt tiefer, nämlich in der Struktur der Organisationen. Unternehmen sind soziale Systeme, die zunächst einmal nur ein einziges Ziel verfolgen: ihr Fortbestehen. Und um das zu erreichen, um im Wesentlichen so zu bleiben, wie sie sind – mit all den Hierarchien und Zuständigkeiten, die der Taylorismus ihnen beschert hat – müssen alle Beteiligten genau so agieren, wie es das System erwartet. Soll heißen: die Rolle ausfüllen, die ihnen die Struktur gibt, obwohl sie doch viel lieber echter Arbeit nachgehen würden.