Marcus Keupp „Das ist keine Großoffensive, das ist eine logistische Blamage“

Für den russischen Präsident Wladimir Putin war der Angriffskrieg auf die Ukraine nach Experten-Einschätzungen bislang wenig erfolgreich. Dass Russland wegen des Krieges aber in finanzielle Probleme gerät, glaubt Militärökonom Marcus Keupp nicht
Für den russischen Präsident Wladimir Putin war der Angriffskrieg auf die Ukraine nach Experten-Einschätzungen bislang wenig erfolgreich. Dass Russland wegen des Krieges aber in finanzielle Probleme gerät, glaubt Militärökonom Marcus Keupp nicht
© IMAGO/Zuma Wire
Militärökonom Marcus Keupp meint, dass Moskau so schnell nicht das Geld für den Krieg ausgehen wird. Daran könne auch ein Embargo auf russische Rohstoffe nichts ändern. Das russische Militär habe aber andere Probleme

Der russische Präsident Wladimir Putin hat weder mit so einem langwierigen Krieg noch mit solch erheblichen Verlusten gerechnet. Wie lange reicht seine Kriegskasse noch? 

Marcus Keupp ist Dozent für Militärökonomie an der Militärakademie der ETH Zürich

MARCUS KEUPP: Viel länger, als der Westen erwartet. Das liegt an zwei Dingen: Zum einen hat Russland enorme Reserven an konventionellem Material. Ein Beispiel: Allein westlich der Wolga standen vor dem Krieg ungefähr 2800 einsatzfähige Kampfpanzer. Selbst wenn davon jetzt rund 550 weg sind, bleiben immer noch 2250. Russland kann sich hohe Verluste also leisten. Zum anderen kostet dieser Krieg Russland viel weniger Geld als gemeinhin angenommen. Der Krieg findet bis jetzt wie im tiefsten 20. Jahrhundert, mit relativ simplen mechanisierten Systemen, statt. Das teuerste an einem Krieg sind Luftwaffe und Marine – gerade sie greifen in diesem Krieg allerdings nicht entscheidend ein. 

Würde ein Öl- und Gasembargo Russlands Kriegsführung schwächen?

Auf den Kriegsverlauf hätte ein solches Embargo keine Auswirkungen. Es ist naiv, davon auszugehen, dass wir unsere Devisen auf der einen Seite in die Panzerfabrik stecken und auf der anderen Seite der fertige Panzer rausspringt. Das russische Rüstungsmaterial, das in der Ukraine zum Einsatz kommt, ist schon vor langer Zeit gebaut worden. Die Treibstoffe, also Öl, Gas und Diesel sind Eigenproduktion. Selbst wenn wir die russischen Rohstoffe boykottieren würden, heißt das nicht, dass russisches Gas und Öl in der Erde bleiben muss und es zu massiven Ausfällen im Staatsbudget kommt. Russland hat andere Optionen. 

Welche?

Wenn etwa Deutschland kein Gas mehr kaufen würde, könnte Russland die entsprechende Fördermenge zumindest partiell umleiten. Der Transfer von russischem Gas ist nicht unilateral von Ost nach West – ein erheblicher Teil geht auch in die Leitungen Bluestream und Turkstream 1 und 2. Die Türkei könnte den Anteil des Gases, das Deutschland nicht mehr nimmt, zum Zwischenhandel nutzen. Über die transanatolische Pipeline könnte es nach Griechenland oder Bulgarien gehen und von dort nach Osteuropa oder Italien. Wenn man russisches Gas boykottieren möchte, muss man also die Türkei mitsanktionieren. Weitere Möglichkeiten für Russland wären, dass Gas in unterirdischen Speichern oder den Pipelines selbst zu bevorraten oder mehr Gas für die Primärenergieproduktion zu nutzen und so weniger Öl und Kohle zu verbrauchen. Das könnte dann wieder auf dem Weltmarkt verkauft werden. Das geht alles nicht von heute auf morgen, wäre aber eine Möglichkeit.

Trotzdem würde Russland bei einem sofortigen Boykott des Westens schnell massiv an Devisen einbüßen. Früher oder später sind die Währungsreserven aufgebraucht.

Bevor kein Geld mehr in die Armee gesteckt wird, würde Moskau den Staatshaushalt umschichten und Reserven einsetzen. Die Öl- und Gasexporte machen 40 Prozent des russischen Staatsbudgets aus. Das ist viel, heißt aber auch, dass 60 Prozent des Haushalts noch zur Verfügung stehen. Der größte Posten ist die soziale Wohlfahrt. Russland könnte diese Sozialausgaben kürzen und das Geld in den Verteidigungsetat umleiten. Ähnliches könnte mit anderen Etats wie dem der Wirtschaftspolitik passieren. Zudem hat Russland noch seine Reserven aus dem nationalen Wohlfahrtsfonds, der vor dem Krieg mit 200 Milliarden US-Dollar gut gefüllt war.

Russland könnte sich also autark über Wasser halten? 

Es ist durchaus vorstellbar, dass wir ein Russland bekommen, das seine Energie nicht mehr so stark exportiert und dafür seine Wirtschaft zurückabwickelt. Dann gibt es eben nur noch das Militär, ein bisschen Energiegeschäft mit dem Osten, subventionierte Grundnahrungsmittel und sonst nichts. Die Frage, ob die Bevölkerung das mitmacht, stellt sich nicht, denn die wird nicht gefragt. Sie wurde auch in der Sowjetunion nicht gefragt. Das Einzige, was Putin zu seinem Sowjetglück dann noch fehlt, ist das Schließen der Außengrenzen. Noch können die Russen ausreisen. 

Russland hat keine wettbewerbsfähige Computertechnologie. Wie abhängig ist die russische Rüstungsindustrie von Importen? 

Für die Eigenproduktion einfacher, mechanisierter Systeme braucht die russische Rüstungsindustrie keine westliche Technologie, denn dafür nutzen die Unternehmen die alte sowjetische Technologie, die über die Jahre modernisiert wurde. Allerdings ist Russland auch der zweitgrößte Waffenexporteur der Welt. Sie müssen technologisch fit sein, und wenn das durch die Sanktionen wegbricht, weil sie keine westlichen Komponenten mehr bekommen, könnten sie an internationaler Kundschaft verlieren. Es gibt aber auch noch ein anderes Szenario. So könnte es zu einer stärkeren Allianz zwischen Russland und den Ländern, die die westlichen Sanktionen nicht mittragen, die aber gerne russische Rüstungstechnologie kaufen, kommen. Zum Beispiel Indien, der größte Einkäufer russischer Waffen, könnte dann für Ersatz der westlichen Komponenten sorgen. Das ist natürlich nicht das gleiche Technologieniveau und geht nicht von heute auf morgen, allerdings träumen die Russen auch schon lange von der Importsubstitution, also davon, westliche Technologie endlich durch russische Eigenproduktion zu ersetzen. Bislang haben sie damit aber wenig Erfolg.

Wie erklären Sie sich den hohen Materialverlust der russischen Truppen im Krieg gegen die Ukraine? 

Ein Grund ist die mangelhafte Logistik. Man erkennt deutlich, dass der Kreml von drei, vier Tagen Kampf und einem schnellen Regimewechsel in Kiew ausgegangen ist. Anders ist es nicht zu erklären, dass den Truppen reihenweise Treibstoff und Nahrung ausgehen. Viele Panzer bleiben daher einfach liegen. Außerdem ist gerade Schlammsaison in der Ukraine. Die Russen können daher nur die befestigten Straßen für ihre Versorgungswege nutzen – den Ukrainern fällt es somit leicht, die Wege vorherzusehen und die russische Logistik zu beschießen. 

Trotzdem ist Russland der Ukraine beim militärischen Material und Soldaten weit überlegen.

Man kann die russischen und ukrainischen Systeme nicht einfach gegeneinander aufrechnen. Zu Beginn des Krieges haben viele Experten argumentiert, dass Russland konventionell absolut überlegen ist, weil es viel mehr Systeme hat und daher gewinnen wird. Allerdings wird die Logistik umso wichtiger, je länger der Krieg dauert. Wenn den Truppen Treibstoff, Munition und Nahrung ausgehen, bringen auch 800 Panzer nichts. Denn dann bleiben diese einfach im Gelände stehen. Das ist es, was wir seit Kriegsbeginn auf der russischen Seite beobachten. Entscheidend sind daher nicht die Anzahl der Systeme, sondern deren Einsatzwert.

Russland hat seine Taktik bereits geändert. Wie schätzen Sie den Erfolg der Großoffensive im Osten der Ukraine ein? 

Das ist keine Großoffensive, das ist eine logistische Blamage. Ich sehe auf der Karte, dass die Russen am Tag vielleicht zwei Kilometer vorankommen. Selbst bei Kleinstädten kommt es zu tagelangen Kämpfen, bevor die Russen sie einnehmen. Das ist das Resultat aus einer Mischung an Dilettantismus und Korruption. 

Inwiefern? 

Viele der russischen Systeme sind nicht ordnungsgemäß instandgehalten worden. Wir haben zum Beispiel schwere Radfahrzeuge gesehen, denen es die Reifen abgerissen hat. Das deutet darauf hin, dass diese Systeme über längere Frist nicht bewegt wurden. Man fragt sich also schon, wo das Geld für die Instandhaltung hingegangen ist. Möglicherweise in die Taschen von Lokalpolitikern und lokalen Kommandeuren. 

Welche Rolle spielen die gefallenen russischen Generäle in diesem System?

Auch das ist ein Zeichen für den militärischen Dilettantismus der russischen Armee. Ein General ist normalerweise nicht an der Front, sondern kommandiert die Operation von einem rückwärtigen Heeresquartier oder Kommandozentrum aus. Es könnte sein, dass der Kreml seine Generäle wegen der schlechten Moral der Truppen auf das Gefechtsfeld geschickt hat. Ich denke allerdings eher, dass die Generäle über nicht verschlüsselte Kommunikation kommuniziert haben, also über normale Smartphones oder über Funkgeräte. Den Ukrainern ist es so gelungen, eben diese Kommunikation abzufangen und damit die Standorte der Generäle ausfindig zu machen.

Wie steht es im Gegensatz dazu um das System der Ukrainer? 

Die Ukraine hat den Krieg bisher nicht symmetrisch geführt. Das heißt, sie sagt nicht, es kommen jetzt zehn russische Panzer vorbei und wir stellen ihnen zehn entgegen. Dazu waren die Ukrainer schon wegen der materiellen Unterlegenheit nicht in der Lage. Nun hat sich die Lage geändert. Die Ukraine hat sich bereits über 200 funktionsfähige russische Panzer aneignen können. Zum Vergleich: Die französische Armée de Terre hat in ihrem gesamten Bestand ungefähr 400 Panzer und ist damit eine der großen westeuropäischen Armeen. Zusätzlich wird der Westen in den kommenden Wochen zunehmend Artillerie liefern. Umso mehr das geschieht, desto mehr wird dieser Krieg symmetrisch. Die Ukraine steht sicherlich weitaus besser da als in den ersten vier Wochen des Krieges. 

So viel besser, dass sie eine Chance hat, diesen Krieg zugewinnen?

Aus eigener Kraft kann die Ukraine diesen Krieg nicht gewinnen. Der Ausgang hängt sehr stark davon ab, dass die Waffenlieferungen aus dem Westen weitergehen. Sicher ist, dass Russland nicht nachgeben und die Ukraine nicht aufgeben wird. Im Moment schafft es die Ukraine, den russischen Vorstoß zu neutralisieren. Wenn das noch ein paar Monate so weiter geht, hat Russland mit einem enormen Abnutzungskrieg zu kämpfen. Die russische Armee hat zwar enorme Reserven, aber die Ukraine wird im Moment vom gesamten Industriepotenzial des Westens beliefert. Für die Ukraine wäre es schon ein gewaltiger Erfolg, wenn sie den Krieg auf diese Art weiter einfrieren kann. Von einem möglichen Sieg zu sprechen wäre jedoch noch zu früh.

Das Interview ist zuerst erschienen auf ntv.de

Dieser Artikel ist zuerst auf n-tv.de erschienen.

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