Herles‘ Zukunftsblick

KolumneRisikokapital - High-Tech statt Beton

Benedikt Herles
Benedikt HerlesPR

In zinslosen Zeiten des Anlagenotstands scheint Beton das Kapital magisch anzuziehen. 2016 wurden deutschlandweit über 237 Mrd. Euro in den Erwerb von Immobilien gesteckt. Mittlerweile dürfte diese Zahl noch einmal deutlich gestiegen sein. Alleine in meinem Heimatland Bayern wurden 2017 Häuser und Grundstücke im Wert von fast 48 Mrd. Euro gekauft. Dagegen wurden 2018 nur etwas mehr als 1,3 Mrd. Euro Risikokapital in heimische Start-ups investiert. Anders formuliert: Ein großer Immobilienfonds verwaltet mehr Geld als die gesamte deutsche Venture-Capital-Branche.

Zu Ende gedacht…

Dieses Missverhältnis schockiert. Wer ein Haus oder eine Wohnung kauft, schafft damit noch keine volkswirtschaftliche Wertschöpfung (anders ist es bei Bauinvestitionen). Zudem haben die Mittelzuflüsse in die Immobilienwirtschaft massive soziale Nebenwirkungen. Wohneigentum als Altersabsicherung fällt in großen Städten flach, zumindest für alle die nicht erben. Dazu kommt: In den Zentren kann sich die Mittelschicht selbst mieten kaum noch leisten. „Deutsche Wohnen und Co enteignen“ fordern deshalb manche. Die Verzweiflung vieler Mieter ist so groß, dass selbst vor sozialistischen Methoden kein Halt gemacht wird.

Benedikt Herles Buch "Zukunftsblick" ist im Droemer Verlag erschienen
Benedikt Herles Buch „Zukunftsblick“ ist im Droemer Verlag erschienen

Doch das Auseinanderfallen von Beton- und Start-up-Investitionen ist noch aus anderer Perspektive erschreckend. Denn es wird offensichtlich, wie wenig sich deutsches Geld in Wahrheit für High-Tech interessiert. Vermutlich sind selbst Oldtimer (per Definition Low-Tech) ein beliebteres Investitionsobjekt als die Beteiligung an einem Risikokapital-Fonds. Die Zahlen dazu: 2018 betrug der Bestand an über 30-jährigen Klassikern auf vier Rädern rund 675.000 Stück, bis 2020 wird er auf 800.000 wachsen. Alte Autos wecken die Sinne, Firmengründer anscheinend nicht. Vor allem scheuen die Vermögen der Nation um jeden Preis das Risiko. Häuser und Oldtimer können nicht verschwinden. Start-ups schon. Credo des Kapitals: Bewahren statt wagen.

Bei einem Blick hinter die Zahlen zeigt sich ein noch größeres Dilemma. Denn der bedeutendste Venture-Capital-Investor ist hierzulande wiederum der öffentliche Sektor – genauer gesagt die Europäische Union über den European Investment Fund (EIF). Das Kalkül Brüssels ist durchaus sinnvoll. Statt Steuergelder selbst in Start-ups zu stecken, sollen das lieber die Experten in privaten Fonds-Gesellschaften übernehmen. 3,2 Mrd. Euro Risikokapital hat der EIF seit 2004 so in Deutschland bereitgestellt. Hinzu kommen Fördertöpfe auf Landesebene. Ohne diese Unterstützung sähe es noch düsterer aus.

Für die mangelnde Beliebtheit der Asset-Klasse Venture Capital ist aber natürlich nicht nur eine ausgeprägte Risikoaversion verantwortlich. Die Finanzierung von High-Tech-Firmengründungen ist im Vergleich zu anderen Regionen schlicht nicht attraktiv genug.

Frage: Wie viele Verkäufe oder Börsengänge deutscher Start-ups mit einem Volumen von mehr als einer halben Milliarde Euro fallen Ihnen spontan ein? Wenige. Viel zu wenige. Die Gründe: Anders als die Valley-Giganten, geben unsere Konzerne nur ungern viel Geld für die Akquisition von jungen Technologie-Unternehmen aus. Die Frankfurter Börse will die Fehler des Neuen Markts derweil nicht wiederholen und ist für Gründer nur selten eine strategische Option.

Vermutlich gäbe es allerdings eine größere Zahl erfolgreicher Start-ups, wenn auch mehr Kapital in deren Gründung fließen würde. Die Sache mit der Henne und dem Ei. Weltweit wurden 2018 über 255 Mrd. Dollar Risikokapital investiert (davon mehr als 130 Mrd. in den USA). Deutschlands Beitrag zum Welt-BIP beträgt rund 3,2 Prozent. Ein proportionaler Anteil an Venture Capital entspräche 8 Mrd. Euro. Es fehlen also mehr als 6,5 Milliarden an jährlichen High-Tech-Investitionen!

Der Gesetzgeber sollte jetzt einschreiten. Asset-Manager müssen zu ihrem Glück gezwungen werden – zum Wohle der Volkswirtschaft. Im Technologie-Wettstreit zwischen China und den USA hat die Industrienation Deutschland alles zu verlieren. Jeder Vermögensverwalter sollte deshalb gesetzlich dazu verpflichtet werden, einen bestimmten Anteil der ihm anvertrauten Mittel – sagen wir 0,3 Prozent – in heimische Risikokapital-Fonds zu investieren. In welche genau, das soll der Markt entscheiden. Hauptsache, High-Tech und Kapital finden zueinander. Oldtimer- und Immobilien-Markt werden es verkraften. Action required!