KolumneDie letzten Buddenbrooks

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Wer den Hamburger Hafen besucht, kann die prächtige Dreimastbark an den St. Pauli-Landundgsbrücken kaum übersehen. Die „Rickmer Rickmers“ symbolisiert die ganze Pracht einer vergangenen Zeit – und den Stolz einer ganz besonderen Unternehmergilde: der Reeder. Zwar dient der Hochseesegler schon seit vielen Jahren nur noch als Museumsschiff. Aber seine Namensgeber – die Familie Rickmers – betreiben immer noch zwei Charterreedereien in der Hansestadt. Eine von beiden leistet nun den Offenbarungseid: Bertram Rickmers muss nach heftigen Verlusten die Mehrheit an seiner Firma abgeben. Ob sie überhaupt überlebt, liegt in der Hand der Kreditgeber.

Es gibt Berufsgruppen, die immer noch ein besonderer Mythos umgibt. Die Reeder gehören dazu, aber auch die Verleger und die Privatbankiers. Die Wurzeln ihrer Geschäfte reichen bis ins 19. Jahrhundert, manchmal sogar bis ins 18. Jahrhundert zurück. In ihren Hochzeiten erwarben diese Familienunternehmer gewaltige Vermögen, von denen sie lange zehren konnten. Man könnte sie, frei nach dem berühmten Roman Thomas Manns, die letzten Buddenbrooks nennen. Doch jetzt geht ihre Zeit in Deutschland ein für alle Mal zu Ende. Schuld daran sind sie selbst. Denn die meisten von ihnen haben in den letzten Jahrzehnten den Sprung in ein modernes Unternehmertum verpasst.

Mythische Unternehmerfiguren sterben aus

Bei allen Unterschieden gibt es viele Ähnlichkeiten zwischen den Reedern, den Verlegern und den Privatbankiers. Alle drei Gruppen verdienten lange Zeit viel Geld mit Geschäften, die seit Jahrzehnten im Kern gleichgeblieben waren. Der Zwang zur stetigen Innovation (wie etwa in der Industrie) stellte sich nicht. Statt in die Zukunft zu investieren, entnahmen die Unternehmer über die Jahre sehr viel Geld aus ihren Geschäftskassen, um einen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Privatbankiers wie die Oppenheims kauften sich Gestüte und Ländereien. Die reichen Hamburger Reeder wetteiferten miteinander vor allem mit immer teureren Privatjachten. Und so mancher Verleger einer Regionalzeitung lebte wie ein kleiner Landesfürst.

Viele Reeder, Verleger und Bankiers waren noch vor kurzem stolz darauf, dass sie ihre Geschäfte nach Altvätersitte führten. In manchen Reedereien betreibt man immer noch Kontore, in denen Mitarbeiter die Schiffspapiere hin und her reichen. Viele Verleger entwickelten niemals ein Verständnis von modernen Managementmethoden, sondern regierten (und regieren zum Teil immer noch) autoritär und uneinsichtig. Und Alfred Baron von Oppenheim, der vielleicht letzte richtige Privatbankier in Deutschland, sagte mir vor zehn Jahren einmal im hohen Ton der Überzeugung: „Ich brauche kein Risikosteuerungssystem, schließlich kenne ich alle meine Kunden persönlich.“ Wie man sich irren kann.

Tradition war für viele dieser Unternehmer schon seit langem nicht mehr das Feuer, das man weiterreicht, sondern nur noch die Asche antiquierter Ansichten. Den sprichwörtlichen Unternehmer, der frei nach Schumpeter an die Kraft der kreativen Zerstörung glaubt, findet man unter den letzten Buddenbrooks kaum noch. Auf Krisen und Disruptionen (zum Beispiel die Digitalisierung) reagieren sie viel zu langsam und völlig ohne Bereitschaft zum persönlichen Risiko. Und seit ihre Geschäftsmodelle wanken, fällt ihnen so recht nichts mehr ein. Natürlich wird es weiter Reedereien geben und Medienhäuser und Banken. Aber an die Stelle der mythischen Unternehmerfiguren treten professionelle Manager. Und das ist auch gut so.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


Newsletter: „Capital- Die Woche“

Jeden Freitag lassen wir in unserem Newsletter „Capital – Die Woche“ für Sie die letzten sieben Tage aus Capital-Sicht Revue passieren. Sie finden in unserem Newsletter ausgewählte Kolumnen, Geldanlagetipps und Artikel von unserer Webseite, die wir für Sie zusammenstellen. „Capital – Die Woche“ können Sie hier bestellen: