KolumneDie Utopie der Autohersteller

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Seit Carl Benz 1886 seinen „Patent-Motorwagen Nummer Eins“ entwickelte, hat sich nichts Grundsätzliches am Auto verändert. Aus drei Rädern wurden vier, aus einer Kurbel ein Steuerrad, aus 0,75 PS das Hundertfache und mehr, aus dem Schwungrad die Zündung. In den letzten 130 Jahren sorgten die Ingenieure von Daimler, BMW und Volkswagen für eine stetige Verbesserung des Produkts Pkw: immer schneller, immer sicherer, immer bequemer, immer sparsamer. Mit einem technologischen Bruch mussten sie bisher aber nicht fertig werden, die „kreative Zerstörung“ ihres Geschäftsmodells durch völlig neue Wettbewerber blieb ihnen erspart. Bis jetzt. Doch nun müssen sie mit drei fundamentalen Herausforderungen gleichzeitig fertig werden: Das elektrisch angetriebene, autonom fahrende und durch digitale Informationen aller Art gesteuerte Auto der Zukunft wird nur noch wenig mit dem Motorwagen von Carl Benz gemeinsam haben.

Die Hersteller wissen das – und reden gegenwärtig über fast nichts anderes mehr. Die meisten Techniker in den Konzernen lieben die neue Zeit und planen sie eifrig. Die eigentliche Herausforderung für die Manager der Konzerne aber liegt woanders: Sie müssen den schnöden Übergang vom althergebrachten Auto zur Elektrokarosse mit Augenmaß und ohne Illusionen organisieren. Die Manager dürfen nicht zu spät kommen, aber eben auch nicht zu früh. Sonst gefährden sie den Bestand ihrer Unternehmen.

Marktanteil von Elektroautos bei zwei Prozent

Der heiße Wunsch der Techniker, das bereits Machbare auch flink zu verwirklichen, eilt der harten Wirklichkeit der Betriebswirte gegenwärtig ziemlich weit voraus. Beispiel Deutschland: 2016 schnellten die Zulassungszahlen bei uns um knapp fünf Prozent auf 3,35 Millionen Neuwagen. Gerade einmal 11.410 davon waren Elektroautos – trotz staatlicher Förderung 1000 weniger als im Vorjahr. Besser schlugen sich lediglich die sehr teuren Hybridfahrzeuge, die sowohl über einen Verbrennungs- als auch über einen Elektromotor verfügen. Doch selbst wenn man die reinen Elektrofahrzeuge und die Hybridmodelle zusammenzählt, kommt man nur auf einen Marktanteil von zwei Prozent.

Wenn man sich aber anschaut, was die Autohersteller weltweit an großen Plänen verkünden, kommt man auf eine ziemliche Diskrepanz: Die Konzerne wollen schon in zwei, drei Jahren sehr viel mehr Autos mit Elektroantrieben verkaufen als die Konsumenten ihnen bisher abnehmen wollen. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, diesen Widerspruch aufzulösen: Entweder wir alle mutieren relativ schnell zu ganz überzeugten Elektroenthusiasten oder es kommt zu einer brutalen Auslese unter den Herstellern, die auf ihren Modellen zum Teil sitzen bleiben und ihren umgestellten Fabriken nicht mehr auslasten können. Der Wettbewerb wird härter als er es in den letzten Jahrzehnten jemals war. Und die Risiken für Fehlinvestitionen wachsen beängstigend.

Es gibt jedoch noch eine dritte Möglichkeit: Wenn die Hersteller merken, dass ihre Elektrorechnung nicht aufgeht, dürften sie erneut laut nach dem Staat rufen. Mit einem einzigen Schritt könnte der Gesetzgeber der Elektromobilität zum schnellen Durchbruch verhelfen: wenn Autos mit Verbrennungsmotoren nicht mehr in die Innenstädte fahren dürfen.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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