KolumneAudi und die drei Affen

Bernd Ziesemer© Martin Kess

Vorsprung durch Technik – mit diesem griffigen Slogan präsentiert sich Audi nun schon seit 1971 in der Werbung. Was das Innenleben des Autokonzerns betrifft, bietet sich vielleicht ein anderes Motto an: Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen. Und die berühmten vier Audi-Ringe könnte man in der internen Kommunikation dann auch gleich ersetzten: durch die berühmten drei Affen, die sich Augen und Ohren und Mund zuhalten. Zu diesem Ergebnis kann man jedenfalls kommen, wenn man sich das jüngste Gerangel um Audi-Chef Rupert Stadler anschaut. Der Aufsichtsrat der VW-Tochter stellte sich am letzten Freitag mit großer Gebärde hinter den umstrittenen Manager. Nach der Lesart der Aufseher, an deren Spitze VW-Konzernchef Matthias Müller steht, wusste Stadler nichts von der Betrugssoftware in den 3-Liter-Dieselmotoren von Audi. Dabei gehen die kriminellen Machenschaften bis weit in die Anfangsphase seiner Amtszeit zurück.

Vielleicht fehlt tatsächlich die letzte heiße Spur, die direkt aus der federführenden Abteilung für Motorenentwicklung ins Chefbüro Stadlers führt. Vielleicht fehlt der Fingerabdruck, um Stadler die Kenntnis einschlägiger Powerpoint-Präsentationen nachzuweisen, in denen seine Unterlinge das Für und Wider einer „schmutzigen“ Lösung ausbreiteten. Vielleicht fehlt auch seine Unterschrift unter beschlagnahmten Papieren, die einigen Managern die Karriere kosten. Alles gut möglich. Nehmen wir sogar zu seinen Gunsten an, dass Stadler wirklich nicht vorab über den Dieselbetrug informiert war. Was sagt das dann aber alles über seine Rolle im Konzern und vor allem über die Audi-Unternehmenskultur, die Stadler als langjähriger Vorstandschef geschaffen oder zumindest nicht verhindert hat?

Stadler trägt die Verantwortung

Klar ist: Der Betrug mit Dieselmotoren war nicht die Verfehlung eines Einzelnen oder einer kleinen Gruppe von subalternen Managern. Die Verantwortlichen saßen in der Konzernzentrale, einige von ihnen berichteten direkt an den Vorstand. Alles spielte sich also unter den Augen Stadlers ab. Und als Unternehmenschef trägt er, ob er direkt beteiligt war oder nicht, für all das die Verantwortung. Warum musste Martin Winterkorn als VW-Chef gehen, wenn jetzt Stadler als Audi-Chef bleiben darf? Diese Frage kann niemand in der Wolfsburger Firmenzentrale logisch schlüssig beantworten.

Wahr ist: In jedem anderen Konzern wäre ein Mann wie Stadler längst nicht mehr im Amt. Vorstände müssen bei schweren Verfehlungen nicht nur dann gehen, wenn sie vorher etwas wussten; sondern auch dann, wenn sie vorher nichts wussten, aber etwas hätten wissen müssen. Der Paragraf 93 des Aktiengesetzes verpflichtet alle Vorstände zu einer besonderen Sorgfaltspflicht. Stadler hat mindestens gegen dieses zwingende Gebot gehandelt – wenn er denn wirklich nicht mehr wusste (was keineswegs ausgemacht ist).

Warum handelt der Aufsichtsrat von Audi also nicht? Auch diese Antwort ist relativ einfach: Wenn Stadler gehen muss, dann stellt sich auch für viele andere in Wolfsburg die Frage nach ihrer ganz persönlichen Mitverantwortung – angefangen bei VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch. Fällt einer, dann könnten bald noch viele andere fallen. Um das zu verhindern, versammelt sich die ganze innere Führung wie in einer großen Wagenburg. Vielleicht kommt der Konzern damit sogar durch – vielleicht endet aber auch alles in einem noch schlimmeren Schlamassel.


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint jeden Montag auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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