Interview„Die Politik sollte nicht auf diese Schwächephase reagieren“

Konjunktur: Vor allem der deutschen Industrie macht die weltweite Investitionsschwäche zu schaffen
Vor allem der deutschen Industrie macht die weltweite Investitionsschwäche zu schaffenBild von StockSnap auf Pixabay

Am 14. November gibt das Statistische Bundesamt die offizielle Schätzung für das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal bekannt. Schon jetzt rechnen einige Beobachter erneut mit einem Minus. Auch die Prognosen im Jahresgutachten des Sachverständigenrates der Bundesregierung sehen düster aus: Für 2019 rechnen die sogenannten Wirtschaftsweisen mit einem Wirtschaftswachstum von 0,5 Prozent. Im Umgang mit dem Abschwung fordern die Ökonomen, eine Abkehr von der schwarzen Null im Haushalt. Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft hält dagegen fiskalische Impulse für wenig sinnvoll:

Capital: In den vergangenen Wochen klang immer wieder das Argument an, Deutschland befinde sich längst in einer Rezession. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der deutschen Konjunktur ein?

STEFAN KOOTHS: Für die Industrie können wir davon ausgehen, dass sie bereits in einer Rezession ist. Das bedeutet, dass die Normalauslastung der Kapazitäten unterschritten ist und weiter sinkt. Im Vergleich zu einer sogenannten technischen Rezession von zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit schrumpfender Wirtschaftsleistung ist das die ökonomisch gehaltvollere Variante. Denn letztere blendet immer aus, von welchem Niveau der Kapazitätsauslastung die Wirtschaft kommt. Erst wenn das Normalniveau unterschritten ist und die Auslastung weiter sinkt, liegt eine echte Rezession vor. Das ist in der Industrie derzeit der Fall. Für die Gesamtwirtschaft sehen wir das noch nicht. Insbesondere deshalb nicht, weil die konsumnahen Dienstleistungsbereiche sich noch robust zeigen und die Bauwirtschaft weiter auf Hochtouren läuft.

Welche Indikatoren sind für die Betrachtung der Wirtschaft gerade entscheidend? Ich denke da zum Beispiel an den ifo Geschäftsklimaindex…

Das ist weiterhin einer der wichtigsten Konjunkturindikatoren, auf den wir auch schauen. Zusätzlich nehmen wir Indikatoren in den Blick, die etwas über die Unsicherheit aussagen. Denn die aktuelle Industrieschwäche hat viel mit der Investitionsschwäche in der Weltwirtschaft zu tun. Wenn nicht klar ist, welche Bedingungen für das Wirtschaften in der weiteren Zukunft gegeben sind, reagieren Investoren typischerweise abwartend. Und genau das ist es, was von den handelsprotektionistischen Störmanövern aus den Vereinigten Staaten oder vom Brexit herrührt. Gerade für die konjunkturelle Einschätzung berücksichtigen wir außerdem Indikatoren, die etwas über die Auslastungsgrade aussagen. Neben Umfragen zur Einschätzung der Auslastung gehören dazu Umfragen zu den Faktoren, die die Produktion in der Wahrnehmung der Unternehmen am meisten behindern.

Welche Faktoren sind das?

Verfügbarkeit von Arbeitskräften ist einer davon. Die Werte hierzu stützen das Bild einer konjunkturellen Abkühlung, allerdings bewegt sich die Arbeitskräfteknappheit immer noch auf einem erhöhten Niveau. Auftragsmangel ist ein weiterer Indikator für das Konjunkturbild. Auch hier zeigt sich eine ähnliche Konstellation: Die Werte sind zwar gestiegen, liegen allerdings immer noch unterhalb des langjährigen Durchschnitts. Würde man also aufgrund der quartalsweisen Zuwächse von einer konjunkturellen Schwächephase sprechen, dann ist das, was wir seit Anfang 2018 gesehen haben, in erster Linie eine Abkühlung der Überhitzung zurück auf ein Normalniveau und noch nicht mehr – jedenfalls nicht gesamtwirtschaftlich.

Was bedeutet das für die nächste Zeit?

Eine wichtige Rolle spielt, wie stark die Industrieschwäche auf die konsumnahen Wirtschaftsbereiche ausstrahlen wird. In diesem Zusammenhang spielt auch eine Rolle, dass es von Seiten der Finanzpolitik spürbare Impulse gibt, die unmittelbar die Kaufkraft privater Haushalte stützen. Die Industrieproduktion wird man weitestgehend durchschwingen lassen müssen, hier kann die Politik wenig tun. Das typische Muster wäre, dass es etwa vier bis sechs Quartale braucht, bis nach dem Unterschreiten der normalen Auslastung allmählich wieder die Erholungsphase einsetzt. Das heißt: Es wären noch einige schwache Quartale für die Industrie zu erwarten, wenn sonst nichts anderes eintritt. Dass diese Entwicklung deutlicher auf die konsumnahen Bereiche durchschlägt, dürfte schwach ausgeprägt sein. Das liegt neben den schon erwähnten fiskalischen Effekten auch an den Unternehmen, die aufgrund der Fachkräfteknappheit möglichst lange an ihren Beschäftigten festhalten werden. Ein Teil der automatischen Stabilisatoren findet also bereits in den Unternehmen statt.