Intel investiert Milliarden für Magdeburg – und gegen die Chipkrise

Halbleiter sind begehrt. Während Hersteller wie Nvidia und Taiwan Semiconductor kaum die Nachfrage bedienen können, ging der Hype an Intel vorbei, die Chips galten als veraltet. Einige Veränderungen sollen den Konzern wieder nach vorne bringen: Intel tüftelt an neuen Prozessoren für Computer, Server und an einer neuen Transistorarchitektur, darauf setzen Großkunden. So ist Intel als einer von zwei Techkonzernen im Ranking eine klassische Value-Anlage: Heute günstig und 2025 hoffentlich an der Spitze.
Die Chip-Offensive der EU-Kommission kommt für Intel zur rechten Zeit
© Beautiful Sports / IMAGO
Der US-Chiphersteller Intel baut, unterstützt mit öffentlichen Geldern, gleich zwei Werke in Magdeburg. Das soll Europa unabhängiger vom asiatischen Markt machen. Doch es drohen Überkapazitäten

Es ist eine Investition in Rekordhöhe: Der US-Chipkonzern Intel baut für 17 Mrd. US-Dollar gleich zwei Halbleiterwerke in Magdeburg in Sachsen-Anhalt. Regierungschef Reiner Haseloff (CDU) kann sein Glück kaum fassen: „Das ist ein Quantensprung für unser Land.“ Schon im kommenden Jahr soll der Bau auf einem Acker im Industriegebiet Eulenberg beginnen, auf der Baustelle will Intel 7000 Menschen beschäftigen. Wenn die Maschinen wie geplant 2024 anlaufen, entstehen langfristig 3000 Jobs für Chipexperten.

Doch die Pläne von Intel reichen weit über Magdeburg hinaus. „Hier geht es nicht nur um ein oder zwei Fabriken, wir bauen in Europa ein umfassendes Ökosystem der Weltklasse entlang der kompletten Wertschöpfungskette von Halbleitern“, sagte Intel-Vorstandschef Pat Gelsinger am Dienstag auf einer Pressekonferenz. In den nächsten zehn Jahren will Gelsinger mehr als 80 Mrd. Dollar investieren. In Frankreich soll ein neuer Forschungsstandort entstehen, in Irland soll das bisher einzige Werk in Europa ausgebaut werden und in Italien soll – in Kooperation mit dem einzigen europäischen Fertiger ST Microelectronics – die Verpackung angesiedelt werden.

Die enorme Expansion ist die Antwort Intels auf die aktuellen Chipkrise. Zu Beginn der Pandemie 2020 hatte sich das Wachstum der Branche schlagartig verdoppelt. Als hunderte Millionen Menschen weltweit ins Home Office wechselten und sich mit Computern, Kameras, Kopfhörer und Druckern austatteten, kauften Elektrogerätehersteller den Markt leer. Doch plötzlich brauchten auch Autobauer, die während der Pandemie die Produktion gedrosselt und Lieferverträge storniert hatten, Chips, sogar mehr als vorher.

Chips Act soll Unabhängigkeit stärken

In den neuen Elektrofahrzeugen verbauen die Hersteller viel mehr Chips als in Verbrennern. Im Schnitt stecken in einem E-Auto 8000 Halbleiterschaltkreise. Doch an die war nur schwer zu kommen, pandemiebedingte Lieferschwierigkeiten dramatisierten die Lage noch. Bei Weltmarktführer VW und mittlerweile auch beim Haushaltsgerätehersteller Miele stehen wegen der Chipknappheit immer wieder die Bänder still.

Die EU-Kommission hat deshalb zusammen mit den Mitgliedsländern den „Chips Act“ verabschiedet. Dessen zentrales Anliegen ist es, die heimische Industrie künftig selbst mit Chips versorgen zu können und nicht von asiatischen Anbietern abhängig zu sein. „Wir wollen Europa zu einem führenden Standort in der weltweiten Halbleiterproduktion machen, und wir wollen auch unsere Widerstandsfähigkeit mit heimischen, sicheren Technologien stärken“, bekräftige EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Dienstag die Strategie. Gerade in turbulenten Zeiten sei diese Unabhängigkeit „von unschätzbarem Wert“. Bis 2030 sollen 20 Prozent aller Chips weltweit in Europa hergestellt werden, das wäre eine Verdopplung im Vergleich zu heute. 

Auch der heimische Hersteller Infineon hat erst im vergangenen Jahr eine neue Chipfabrik im österreichischen Villach eröffnet. Der scheidende Infineon-Chef Reinhard Ploss begrüßt die europäischen Ambitionen. Man könne es sich in Europa einfach nicht erlauben, von anderen Zulieferern abhängig zu sein, sagte Ploss erst im Februar im Gespräch mit Capital. „Halbleiterhersteller wissen sehr genau, wie die Produkte funktionieren, in denen ihre Chips verbaut sind. Es wäre nicht ratsam, dieses Wissen aus der Hand zu geben.“ 

Für Intel kommt der „Chips Act“ zum genau richtigen Zeitpunkt. Der Umsatz ist im vergangenen Jahr stagniert, Wettbewerber Taiwan Semiconductors (TSMC) liegt weit vorn. Der Konkurrent produziert derzeit mit einem Marktanteil von 55 Prozent mehr Chips als jeder andere Hersteller. Und TSMC investiert schon seit drei Jahren in neue Fabriken, während Intel erst in diesem Jahr losgelegt hat. Neben den Neubauten in Europa soll für 20 Mrd. Dollar auch ein Werk im US-Bundesstaat Arizona entstehen.

Regionale Resilienz ist teuer

Um im Wettrennen um neue Fabriken mithalten zu können, ändert Intel sogar die Firmenstrategie. Bisher hat das Unternehmen aus dem Bundesstaat Kalifornien vor allem für den Eigenbedarf produziert, also Chips für Computer, Prozessoren, Grafikkarten und WLAN-Netze. Jetzt öffnet sich Intel auch für Aufträge, etwa aus der Auto- oder Elektrogeräteindustrie, auch um die neuen Werke voll auslasten zu können.

Dennoch warnen Branchenexperten, dass hier Steuergeld verschwendet werden könnte. Ein Grund, weshalb die Halbleiterindustrie wie keine andere über den Globus verteilt ist, sind die hohen Kosten der Entwicklung und Produktionsstraßen. Durch die Globalisierung seien diese Kosten besser verteilt worden, meint Ondrej Burkacky, Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey. „Will man eine regionale Resilienz aufbauen, ist das sehr teuer und es droht die Gefahr einer Überkapazität.“ 

Derzeit fördert nicht nur die EU den Aufbau heimischer Werke. China hat die Branche in den vergangenen zehn Jahren mit 150 Mrd. Dollar subventioniert. Und die USA haben im sogenannten „Compete Act“ 53 Mrd. Dollar bereitgestellt. Es wird gebaut wie verrückt – und vielleicht eben mehr als genug.

In der Vergangenheit ist das mehrfach vorgekommen: 1995 etwa oder 2001 nach dem Platzen der Dotcom-Blase sowie nach der Finanzkrise 2008. Sollte das erneut passieren – und Burkacky kann sich das nach 2030 vorstellen – bleibt abzuwarten, ob die EU die Riesenwerke künstlich am Leben erhalten muss – und was die regionale Unabhängigkeit tatsächlich gebracht hat.  

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