InterviewIfo-Ökonom Fuest zu Mietendeckel: „Das Problem wird nicht gelöst“

Clemens Fuest, Präsident des Ifo-Instituts
Clemens Fuest, Präsident des Ifo-InstitutsRomy Vinogradova / ifo

CAPITAL: Herr Fuest, vor vier Jahren haben Sie sich hier in München auf Wohnungssuche gemacht – für eine fünfköpfige Familie. Was ging Ihnen damals durch den Kopf? 

CLEMENS FUEST: (lacht) Oh ja, das war wirklich eine schmerzliche Erfahrung. In den zentrumsnahen Vierteln von München ist es heute für eine Familie kaum möglich, etwas Bezahlbares zu finden.

Und das sagt der Präsident des Ifo-Instituts mit einem sicher sehr ordentlichen Einkommen. 

Richtig, ich bin nicht repräsentativ. Aber auch wir mussten lange suchen und merkten irgendwann, dass es immer teurer wird. Deshalb haben wir uns auf die Vororte verlegt. Da haben wir schließlich etwas Schönes gefunden, und ich bin sowieso lieber im Grünen. Aber es war selbst für uns nicht einfach.

Einer Ihrer Söhne studiert hier in München. 

Ja, aber er wohnt noch zu Hause.

Warum, war ihm ein Auszug zu teuer? 

Nein, mir war das zu teuer (lacht).

Was sollen da erst normale Angestellte denken, für die selbst Münchner Vororte unbezahlbar sind? 

Der Wohnungsmarkt in deutschen Großstädten ist heute geteilt: Für diejenigen, die schon in der Stadt wohnen, sind die Veränderungen begrenzt. Eigentümer haben ohnehin kein Problem, Mieter sind von steigenden Bestandsmieten betroffen. Die steigen aber nur langsam, der Anstieg ist gesetzlich reguliert. Explodiert sind die Preise für alle, die Wohnungen wechseln oder neu in die Städte ziehen und Wohnraum suchen – auf diesem Markt haben sich Preise und Einkommen entkoppelt.

Was läuft schief in unserer Wirtschaft, wenn Leute mit normalen Einkommen in der Stadt, in der sie leben und arbeiten, keine ordentliche Wohnung mehr finden? 

Das Problem ist nicht flächendeckend, es besteht vor allem in den angesagten Großstädten. Allerdings kann kein Wirtschaftssystem der Welt ein Problem der Knappheit auf dem Wohnungsmarkt von heute auf morgen ausgleichen.

Aber der Zuzug in die Städte kam ja nicht über Nacht, sondern hält seit bald zehn Jahren an.

Richtig, die Knappheit wäre geringer, wenn man mehr für das Wohnraumangebot getan hätte. Die Veränderungen sind massiv: Die Zahl der Singlehaushalte ist gegenüber den 90er Jahren deutschlandweit um 17 Prozent gestiegen, im Schnitt lebt eine Person heute auf 46 Quadratmetern, fünf Quadratmeter mehr als 2005. Allein hier in München leben heute 16 Prozent mehr Menschen als 2005. Wenn die Nachfrage nach Wohnraum so stark steigt und das Wohnungsangebot nicht mithält, sind hohe Preissteigerungen die Folge.

Viele sprechen von einem Marktversagen. 

Der Markt funktioniert hier schon in dem Sinne, dass steigende Preise die Wohnungsknappheit signalisieren.

Dann müsste auf eine höhere Nachfrage und steigende Preise auch das Angebot steigen. Aber das tut es nicht. 

Doch, allerdings nur sehr langsam. Das ist aber kein Marktversagen, eher Politikversagen, vor allem mangelnde Baulandausweisung.