KolumneDeutsche Konjunktur: Am Rande der Stagnation

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland hat nachgelassen
Die Wirtschaftsleistung in Deutschland hat nachgelassen (Symbolfoto)Pixabay

Bereinigt um kurzfristige Sondereffekte ergibt sich derzeit ein Mickerwachstum, das allenfalls noch mit der Lupe zu erkennen ist. Konjunkturell ist Deutschland aus der französischen in die italienische Liga abgestiegen.

Auch der Ausblick auf die kommenden Monate verheißt wenig Gutes. Der Rückgang der Auftragseingänge im Verarbeitenden Gewerbe um knapp 6 Prozent gegenüber Vorjahr im Durchschnitt der Monate April und Mai spricht dafür, dass die Industrieproduktion im Sommer weiter zurückgehen wird. Auch industrienahe Dienstleistungen wie die Logistik werden langsam in den Abwärtstrend gezogen. Droht uns sogar eine echte Rezession, die neben der schwankungsanfälligen Industrie die gesamte Wirtschaft erfasst?

Die Gefahr ist nicht völlig von der Hand zu weisen. Wenn Donald Trump in seiner Handelspolitik völlig verrückt spielt oder uns ein anderer Schock von außen ereilt, könnte aus dem langsamen Bröckeln der Konjunktur tatsächlich eine echte Rezession werden. Aber die Chancen stehen gut, dass uns dies erspart bleibt.

Mit seiner ausfuhrstarken Industrie, die vor allem besonders zyklisch sensitive Güter wie Maschinen, Autos und chemische Vorprodukte an die Welt liefert, hängt Deutschland wesentlich stärker am kurzfristigen Auf und Ab des Welthandels als nahezu jedes andere große Industrieland der Welt. Deshalb treffen uns die Handelsspannungen sowie die Wachstumsdelle in China relativ hart.

Teilabkommen zwischen China und USA erwartbar

Da auch die US-Industrie zu schwächeln beginnt, rechnen wir damit, dass Trump seine Handelskriege nicht wesentlich weiter eskalieren lasen wird. Schließlich will er im kommenden Jahr wiedergewählt werden. Eine ausgeprägte Konjunkturflaute könnte ihm da sehr schaden. Gleichzeitig dürfte Trump davor zurückschrecken, Strafzölle auf Autoeinfuhren aus Europa und Japan zu verhängen. Solche Zölle wären in den USA selbst sehr unpopulär.

Auch China hat allen Grund, den Streit mit den USA durch ein Einlenken in Teilbereichen zu entschärfen. Derzeit lähmt die Unsicherheit über den Handelsstreit mit den USA die chinesische Konjunktur so sehr, dass Beijings Steuer- und Kreditstimulus die Nachfrage noch nicht im gewünschten Maße stützt.

Wir rechnen deshalb damit, dass sich die USA und China im Herbst auf ein Teilabkommen über Zoll- und Einfuhrfragen oder zumindest auf ein Stillhalteabkommen einigen werden. Zudem deutet die zunehmende Kreditvergabe in China darauf hin, dass der Zuwachs der chinesischen Binnennachfrage sich in Kürze stabilisieren kann.

Derzeit vertagen viele Unternehmen ihre Investitionsentscheidung. Sie wollen abwarten, ob und wie sie ihre grenzüberschreitenden Lieferketten angesichts möglicher Zollbarrieren neu ausrichten müssen.

Wenn die Handelskriege nicht weiter eskalieren und Chinas binnenwirtschaftlicher Stimulus die dortige Nachfrage stärker anschiebt, dürfte sich der Ausblick für Welthandel und Weltindustrie wieder aufhellen. Dann werden Unternehmen in großen Teilen der Welt wieder mehr investieren. Das käme gerade Deutschland als führendem Anbieter von Investitionsgütern zugute. Derzeit sehen wir gute Chancen, dass das noch vor Jahresende eintreten wird.

Allerdings sind die Risiken nicht zu vernachlässigen. Sollte Trump im Herbst doch einen 25 Prozent Strafzoll auf die 300 Milliarden Dollar jährlicher US-Einfuhren aus China verhängen, die er bisher noch nicht belastet hat, und sollten dann im Winter Strafzölle auf Autoeinfuhren aus Europa und Japan folgen, könnte Deutschland tatsächlich langsam in eine Rezession abrutschen. Eine solche Trump-Rezession bleibt unwahrscheinlich, ist aber nicht unmöglich.

Deutscher Arbeitsmarkt vergleichsweise stabil

Zum Glück ist Deutschland für eine zeitweilige Konjunkturflaute oder Schlimmeres gut gerüstet. Mit seinem Überschuss im Staatshaushalt, seinen zumeist hoch qualifizierten Arbeitskräften und seiner Attraktivität als Produktionsstandort übertrifft Deutschland im Trendwachstum seiner Wirtschaftsleistung pro Kopf die meisten anderen großen Industrieländer.

Zudem sind deutsche Unternehmen Weltmeister im Abfedern solcher Schocks von außen. Während die ausfuhrorientierte Industrie ihre Produktion zwar mit den Schwankungen im Welthandel herauf- und herunterfahren muss, ist der deutsche Arbeitsmarkt seit den Agenda 2010 Reformen vergleichsweise stabil. Angesichts eines ausgeprägten Facharbeitermangels möchten Unternehmen ihre Stammbelegschaft auch in schlechten Tagen möglichst halten.

Mit staatlich geförderter Kurzarbeit ist ihnen das bereits in der Mega-Rezession 2009 gut gelungen, Damals ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in der Gesamtwirtschaft nur um 0,8 Prozent zurückgegangen trotz eines zeitweiligen Produktionseinbruchs in der Industrie von 24 Prozent gegenüber Vorjahr im April 2009.

In den kommenden Monaten dürfte sich das langsame Bröckeln der Konjunktur nur in einem verringerten Beschäftigtenzuwachs und mehr Kurzarbeit niederschlagen, aber nicht in einem Einbruch am Arbeitsmarkt. Bei hohen Zuwächsen der Realeinkommen, getragen auch von einem kräftigen Anstieg der Löhne um knapp 3 Prozent und der Renten um etwa 3,3 Prozent, kann der private Verbrauch eine verlässliche Konjunkturstütze bleiben.

Auch staatliche Investitionen sowie der Wohnungsbau bleiben auf Expansionskurs. Dies begrenzt die Abwärtsrisiken für die Konjunktur. Sobald die außenwirtschaftlichen Schocks abflauen, kann die deutsche Wirtschaft wieder auf einen kräftigen Wachstumspfad einschwenken.

Erholung der Konjunktur noch vor Weihnachten möglich

Überlagert wir die aktuelle Diskussion um die Konjunktur von den speziellen Sorgen um die deutsche Automobilindustrie, die mit ihren Zulieferern gut 4 Prozent zur deutschen Wirtschaftsleistung beiträgt. Neben einigen kurzfristigen Effekten wie dem Diesel-Skandal sowie einer Bereinigungskrise im chinesischen Markt müssen die Unternehmen sich auf neue Formen der umweltfreundlicheren Mobilität einstellen.

Sofern die Wirtschaftspolitik nicht den Industriestandort Deutschland nachhaltig schwächt, wird sich dieser langfristige Wandel bewältigen lassen. Entweder setzen sich die deutschen Facharbeiter und Ingenieure erneut an die Spitze des Fortschritts in der Mobilität, wie es ihnen in der Vergangenheit immer wieder gelungen ist. Oder sie werden von anderen Bereichen wie dem Maschinenbau aufgenommen, die bei allen kurzfristigen Schwankungen einen hohen Bedarf an Fachkräften haben.

Langfristig gibt es tatsächlich einigen Anlass zur Sorge, dass Deutschland auf Dauer mit kostentreibenden Sozialleistungen (Rente mit 63, einer möglichen Grundrente ohne Prüfung der Bedürftigkeit) sowie dem Rückabwickeln einiger Reformen am Arbeitsmarkt seine Wachstumskräfte schwächt.

Auf Sicht von zehn Jahren kann uns das teuer zu stehen kommen. Mit dem aktuellen Schwächeanfall hat das jedoch nichts zu tun. Unabhängig von den langfristigen Risiken für das Wachstumspotenzial kann sich die kurzfristige Konjunktur vermutlich noch vor Weihnachten wieder etwas erholen.


Holger Schmieding ist Chefvolkswirt der Berenberg Bank. Er schreibt hier regelmäßig über makroökonomische Themen.