GastbeitragKonjunkturflaute: 4 Tipps für Krisengewinnler

Die Automatisierung krempelt die Produktion um
Die Automatisierung krempelt die Produktion umGetty Images

Zehn Jahre liegt der wirtschaftliche Tiefpunkt nach der globalen Finanzkrise bereits hinter uns. Seitdem ging es konjunkturell über weite Strecken rasant aufwärts. Die USA erleben in diesem Sommer die längste Expansion seit rund 150 Jahren. In Europa geht der Wirtschaft dagegen etwas die Puste aus. Auf weniger als ein Prozent soll das Wirtschaftswachstum 2019 sinken. Auch die jahrelang vor Kraft strotzenden deutschen Konzerne spüren die nachlassende Nachfrage. Doch eine Rezession ist bislang nicht in Sicht, bereits in der zweiten Jahreshälfte könnte die Konjunktur wieder allmählich Fahrt aufnehmen. Jetzt sollten Unternehmen die Weichen stellen, um gestärkt und produktiver in den nächsten Wirtschaftsboom zu starten.

#1 Digitalisierung umsetzen

Die vorübergehende wirtschaftliche Beruhigung ist der richtige Zeitpunkt, endlich die digitale Transformation anzugehen oder voranzutreiben. Durch die gezielte Nutzung von Daten, die Standardisierung und Automatisierung von Produktions- und Geschäftsprozessen sowie Ablaufoptimierungen können Unternehmen langfristig ihre Produktivität massiv erhöhen. In einigen Branchen sind laut Experten Produktivitätssteigerungen von bis zu 50 Prozent möglich. Das liegt vor allem daran, dass sich mit den Mitteln der Digitalisierung enorme Kosten einsparen lassen. Dank der Erhebung und Analyse von Daten können Unternehmen bisherige Unberechenbarkeiten reduzieren und Feedback-Zyklen beschleunigen.

Echtzeitüberwachungen etwa ermöglichen eine effizientere Ressourcenplanung und kurzfristigere Reaktionen auf unerwartete Nachfragemuster. Computergestützte Fertigungslösungen helfen in der Produktion wiederum bei der Fehler- und Störungsvermeidung. Und Unternehmen mit viel Kundenkontakt können operative Aufgaben zunehmend an Verbraucher delegieren. Check-in-Automaten an Flughäfen und Selbstbedienungskassen in Supermärkten sind bereits Beispiele dafür, wie Unternehmen an der Schnittstelle zum Kunden Kosten einsparen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen und auch auf andere Branchen übergreifen. Wer als Unternehmen die in guten Zeiten angesparten Reserven in digitale Technologien investiert, schafft damit die Grundlage für die Gewinne von morgen. Herkömmliche Ansätze zur Kostenreduzierung und Produktivitätssteigerung stellen dagegen meist keine nachhaltige Lösung mehr dar, um auf Herausforderungen wie steigende Löhne und zunehmenden Wettbewerb zu reagieren.

#2 Mitarbeiter qualifizieren

Mit digitalen Technologien können Unternehmen Mitarbeiter von Routinearbeiten mit geringer Wertschöpfung entlasten. Diese Beschäftigten lassen sich dann für anspruchsvollere Aufgaben einsetzen – nach entsprechender Weiterbildung. Die unternehmensinterne Qualifizierung erspart die quälende Suche nach neuen Fachkräften in Zeiten des Fachkräftemangels. Jetzt ist der richtige Moment zur notwendigen Weiterbildung und Kommunikation im Betrieb, um Digitalexpertise aufzubauen und Akzeptanz für den technologischen Wandel zu schaffen. Aus- und Weiterbildung, die Entwicklung von Konzepten für lebenslanges Lernen und die Veränderungskommunikation sind nun wichtige Zukunftsinvestitionen. Aber Achtung: Nicht alle Mitarbeiter in einem Unternehmen sind von Natur aus „Digital Natives“ oder lassen sich zu Digitalexperten ausbilden. Hier müssen Unternehmen mit Fingerspitzengefühl vorgehen, um insbesondere ältere und sehr erfahrene Mitarbeiter nicht zu verschrecken und möglicherweise einen Abfluss von wichtigem Know-how in Gang zu setzen. Alle Mitarbeiter sind unbedingt einzubinden, um die Umsetzung und Effizienz der digitalen Transformation nicht zu gefährden.

#3 Innovationspotenziale nutzen

Unternehmen, die mit dem Einsatz digitaler Technologien ihre Kosten verringern, den Personalbedarf senken und so letztlich insgesamt die Wirtschaftlichkeit erhöhen, können ihren Mitarbeitern mehr Zeit geben, am Fortschritt des Unternehmens mitzuwirken. Es gilt, insbesondere die Potenziale der Digitalisierung zu nutzen, um nicht nur bestehende Prozesse zu optimieren, sondern auch gänzlich neue Geschäftsmodelle zu erschließen, die sich aus der Analyse und Nutzung von Daten ergeben. Jetzt ist die Zeit, mutig und disruptiv zu denken, eigene Innovationseinheiten in den Unternehmen zu bilden, neue Innovationsmethoden wie Design Thinking oder Lean Start-up einzuführen und Mitarbeiter aus allen Unternehmensbereichen in die Innovationsprozesse einzubinden. Die Innovationspotenziale der eigenen Mitarbeiter zu heben, lohnt sich in der Regel doppelt: Zum einen tragen gute Ideen dazu bei, die Kosten zu senken und die Qualität von Produkten und Dienstleistungen zu steigern. Zum anderen führt eine gut entwickelte Innovationskultur meist zu einer höheren Motivation und Zufriedenheit unter den Mitarbeitern. Und im besten Fall kommt aus den Mitarbeiterreihen der entscheidende Vorschlag für ein vielversprechendes, zukünftiges Geschäftsfeld.

#4 Unternehmen krisenfest machen

Die Angst vieler Manager vor einem Konjunktureinbruch zeigt, dass die wenigsten Unternehmen auf eine konjunkturelle Abkühlung eingestellt sind. Besonders krisenanfällig sind Firmen, die überdurchschnittlich stark von bestimmten Regionen oder einzelnen Märkten abhängig sind. Doch vermutlich nur die wenigsten Unternehmenslenker spielen Krisenszenarien sowie mögliche Gegenmaßnahmen in guten Zeiten durch. Dabei ist es wichtig, rechtzeitig Krisensignale deuten zu können, um finanzielle Ressourcen zu schonen. Nur so lassen sich Durststrecken ohne eine notwendige Sanierung überstehen. Um sich krisenfest aufzustellen, sollten Unternehmen mit Hilfe von geeigneten Frühindikatoren und Konzepten zur Früherkennung bereits dann auf konjunkturelle Einbrüche reagieren, wenn diese sich noch nicht nachhaltig auf die Unternehmenszahlen ausgewirkt haben. Einer der größten und immer wieder begangenen Fehler ist es etwa, hohe Investitionen in Märkten oder Regionen zu tätigen, in denen sich längst ein Rückgang der Nachfrage abzeichnet. Hier gilt es, rechtzeitig die Liquidität zu schonen oder Investitionen in weiterhin prosperierende Märkte umzulenken, bis eine Erholung in Sicht ist.

Krisenangst ist nicht angebracht. Für Unternehmen ist die schwächere Konjunktur jetzt die Chance, sich für das digitale Zeitalter zu wappnen, Innovationspotenziale im Unternehmen zu heben, neue Geschäftsfelder zu erschließen und sich krisenfest aufzustellen. Bereits im zweiten Halbjahr dürfte die Konjunktur nach der Meinung vieler Ökonomen in Europa und Deutschland wieder allmählich Fahrt aufnehmen. Die Rückkehr der Wirtschaft in eine Hochkonjunktur ist mittelfristig sogar wahrscheinlich. Bis dahin sollten Unternehmen ihre Hausaufgaben gemacht haben, um voll vom Aufschwung zu profitieren.