Kolumne Entrümpelungsaktion bei Thyssenkrupp

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Der Traditionskonzern schlägt eine Sparte nach der anderen los. Am Grundproblem von Thyssenkrupp ändert das jedoch nur wenig. Bernd Ziesemer über die Aufräumarbeiten bei dem Essener Unternehmen

Alles muss raus. Seit Thyssenkrupp im Oktober letzten Jahres eine industrielle Resterampe mit dem schönen Namen „Multi Tracks“ ausgliederte, läuft in Essen eine Art Entrümpelungsaktion. Und zwar recht erfolgreich. Das Bergbaugeschäft mit 800 Mio. Euro Umsatz und 3500 Leuten geht an einen dänischen Konzern , die Tief- und Spezialbausparte mit 140 Millionen Umsatz und 500 Mitarbeitern an eine deutsche Beteiligungsfirma. Als nächstes soll endlich das Edelstahlwerk Terni in Italien weg, dass Thyssenkrupp seit zehn Jahren loswerden will.

Wer die Liste der bereits verkauften und noch feilgebotenen Einheiten durchliest, dem offenbart sich noch einmal ein ganz wesentlicher Grund für die heutige Misere des Konzerns: Zu viele Bereiche, die nicht zueinander passen und so gut wie keine Synergien realisieren konnten. In Essen beschäftigte man sich über Jahre nicht nur mit der Stahlproduktion, sondern auch mit Zementmischanlagen, mit Industriefedern, mit Karbon und Elektrolyse. Ein wahrer Wildwuchs von Geschäftszweigen mit so hoher Komplexität, dass der Gesamtkonzern schlicht nicht mehr zu steuern war. Der Versuch des früheren Vorstandschefs Heinrich Hiesinger, alles beieinander zu halten, war von vorneherein zum Scheitern verurteilt. Die Aufräumarbeiten seiner Nach-Nachfolgerin Martina Merz kann man deshalb nur begrüßen.

Erst wenn Thyssenkrupp seine Bad Bank mit ursprünglich 18.000 Beschäftigten und 5,5 Mrd. Euro Umsatz weitgehend los ist, kann man wieder von Normalität im industriellen Management sprechen. Bis dahin bleibt allerdings noch Einiges zu tun. Denn Merz muss darauf achten, die vielen überflüssigen Sparten ohne eine zu starke Belastung ihrer Konzernbilanz an den Mann zu bringen.

Thyssenkrupp braucht eine Lösung für die Stahlsparte

Eine Illusion sollte man sich aber besser nicht machen: Dass mit dem Verkauf der Multi-Tracks-Unternehmen eine Lösung für die Zukunft von Thyssenkrupp gefunden wäre. Der Gesamtkonzern wird lediglich leichter führbar, aber noch lange nicht nachhaltig überlebensfähig. Ohne eine Lösung für das Hauptproblem – die Stahlsparte – gibt es keine Zukunft für den Konzern. Im Moment vergisst man das leicht. Im zyklischen Stahlgeschäft können alle Anbieter in diesen Monaten wieder ziemlich gut Geld verdienen. Doch der nächste Abschwung kommt so sicher wie der nächste Abguss am Hochofen. Und dann rücken wieder die Überkapazitäten in den Mittelpunkt der Diskussion, die alle europäischen Hersteller quälen.

Auch das schöne Gerede vom „grünen Stahl“ relativiert sich dann wieder. Denn der Weg dahin ist lang – und sehr teuer. Und ohne fortlaufenden hohen Cashflow, den die Branche nicht liefert, kaum finanzierbar. Zwar fließt auch einiges an Staatsgeld in die Zukunftshoffnung, aber das reicht bei weitem nicht. Außerdem werfen sich so gut wie alle Hersteller auf den „grünen Stahl“ – so dass kaum mit Pioniergewinnen zu rechnen ist.

Nach dem ziemlich verrückten Versuch, die Stahltochter an einen dubiosen Briten indischer Abstammung wegzuzaubern, steht Thyssenkrupp wieder am Anfang. An den viel beschworenen Börsengang als Exit glaubt in der Branche so gut wie kein ernstzunehmender Fachmann. Und wenn der Stahl langfristig bei Thyssenkrupp bleibt, blutet die Bilanz über kurz oder lang wieder aus, die gerade erst durch den Verkauf der lukrativen Aufzugsparte mit Milliarden von Euro aufgefrischt worden ist.

Bernd Ziesemerist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.


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