KolumneThyssenkrupp verkauft weiter Tafelsilber

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd ZiesemerMartin Kress

Die Investmentbanker reiben sich bereits die Hände. Thyssenkrupp möchte die Tochter Uhde Chlorine Engineers (UCE) im nächsten Jahr an die Börse bringen und beschert den beauftragten Banken damit wohl einen zweistelligen Millionenbetrag an zusätzlichen Einnahmen. Die Experten erwarten eine hohe Bewertung der Sparte, die Wasserstoffanlagen baut. Von 4 bis 6 Mrd. Euro ist die Rede. Ein Teil davon soll die Kasse des Mutterkonzerns füllen, der jedoch eine Mehrheit an der begehrten Tochter behalten will. Das betonte Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz in der vergangenen Woche bei einem virtuellen Treffen mit Investoren, dem sogenannten Capital Markets Day.

Ein bisschen erinnern die Pläne an den Verkauf der Aufzugssparte für sagenhafte 17,2 Mrd. Euro, der Thyssenkrupp im letzten Jahr vor der Insolvenz gerettet hatte. Auch damals wollte der Essener Konzern zunächst einen Teil des sehr profitablen Geschäftsbereichs behalten, ließ sich dann jedoch von den beauftragten Investmentbanken und Großaktionären umstimmen. Klar ist: Das obere Ende des Bewertungskorridors erreicht UCE nur dann, wenn sich der Mutterkonzern von einem großen Brocken der Aktien trennt. Und eine Abgabe der Mehrheit bringt stets einen deftigen Aufschlag, wie auch die Erfahrungen anderer Konzerne zeigen.

Egal wie die Überlegungen enden: Die Causa UCE gehört genauso wie damals die Abgabe der Aufzugsparte unter die Überschrift „Verkauf von Tafelsilber“. Die Manager von Thyssenkrupp bezeichnen ihren Konzern seit einiger Zeit als „Group of Companies“ – und genau solche erfolgversprechenden Unternehmen wie UCE braucht man eigentlich in Essen. Also selbstständige, klar fokussierte und auch über die Wirtschaftszyklen hinweg durchgängig profitable Einheiten. Verkauft man solche Unternehmen, stärkt man zwar kurzfristig das Eigenkapital von Thyssenkrupp, belastet aber langfristig die Gewinnentwicklung.

Stahlsparte belastet Thyssenkrupp

Der Konzern braucht weiterhin dringend Cash, weil er im operativen Geschäft nach wie vor nicht genügend Gewinne macht. Das ist der einzige wirkliche Grund für die Entscheidung, UCE an die Börse zu bringen. Die hohen Investitionen in der Stahlsparte fressen alles auf, was der Konzern in anderen Bereichen verdient. Deshalb ist von den hohen Erlösen aus dem Verkauf der Aufzugssparte nicht mehr viel übrig. Für das Geschäftsjahr 2020/21 weist Thyssenkrupp ein Nettoguthaben von 3,6 Mrd. Euro aus – fast 1,5 Mrd. Euro weniger als im Vorjahr. Ob der Konzern sein finanzielles Ausbluten endlich stoppen kann, bleibt nach wie vor unsicher. Aber selbst, wenn es gelingt, braucht Thyssenkrupp einen Großteil seiner noch vorhandenen Nettoguthaben, um die Bilanz der Stahlsparte zu stärken. Unter den jetzigen Bedingungen ist sie sonst nicht überlebensfähig.

Irgendwann will der Konzern wieder Dividenden zahlen – vor allem um den wichtigsten Aktionär an Bord zu halten, die Thyssen-Krupp-Stiftung. Das sei klar als „Ziel definiert“, bekräftigte Vorstandschefin Martina Merz in der vergangenen Woche. Ein Datum dafür nennt sie jedoch nicht. Aus gutem Grund: Trotz aller operativen Verbesserungen im letzten Geschäftsjahr, trotz der Trennung von Verlustbringern, trotz günstiger Stahlkonjunktur, trotz aller Sparmaßnahmen fehlt Thyssenkrupp immer noch eine klare Perspektive. Und solange sie fehlt, muss man mit dem Verkauf von weiterem Tafelsilber rechnen.

 


Bernd Ziesemer ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.