Déjà-vuDie Selbstmordversuche der IG Metall

Opel Stammwerk in Rüsselsheim
Opel Stammwerk in Rüsselsheimdpa

Im Rüsselsheimer Opel-Werk rollen die Betriebsräte derzeit wieder die roten Fahnen der IG Metall aus, stecken die Trillerpfeifen ein und legen den Gewerkschaftsschal bereit. Mit neuen „Kampfaktionen“ wollen sie den Verkauf des Entwicklungszentrums und einen weiteren Personalabbau in der Produktion verhindern. Seit Opel zum französischen Autokonzern PSA gehört, verging kaum ein Monat ohne Proteste. Aber auch schon vor der Übernahme im August 2017 gehörten die Opel-Arbeiter zu den streikfreudigsten Belegschaften in Deutschland. Der einzige Unterschied: Heute geht es gegen die französischen Eigentümer, früher ging es gegen die amerikanische Mutter GM.

Die neue Capital
Die aktuelle Capital

Opel ist seit Jahrzehnten Hochburg und wichtigstes Experimentierfeld der militanten Gewerkschaftslinken. Ab 1968 verdingten sich ehemalige Studenten und Revoluzzer als Bandarbeiter in den damaligen Hauptwerken Rüsselsheim und Bochum, um die Arbeiter zu radikalisieren. Zeitweilig gehörten zu den Agitatoren spätere Prominente wie Ex-Außenminister Joschka Fischer. In Bochum gründeten Linke eine „Gewerkschaftsoppositionelle Gruppe“, die Jahrzehnte aktiv blieb und die IG Metall unter Druck setzte. Bis zur Schließung des Werks vor vier Jahren riefen kommunistische Betriebsräte in Bochum zum Klassenkampf auf. Nicht anders in Rüsselsheim, wo sich linke Extremisten ebenfalls im Betriebsrat festsetzten und SPD-Mitglieder entmachteten.

Die IG Metall erreichte das Gegenteil

Die Gewerkschaftslinken wollten bei Opel den Beweis erbringen, die Arbeiter könnten durch ihre „Abwehrkämpfe“ gegen das Management für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und stetige Lohnerhöhungen sorgen. Die Mehrheit der IG Metall ließ sich von den Radikalen oft in die gleiche Richtung drängen, obwohl ihr der Spuk eigentlich gegen den Strich ging. Diese Gemengelage führte geradewegs in die Katastrophe: Trotz ständiger Aktionen mussten die Gewerkschaftslinken in den letzten drei Jahrzehnten mit ansehen, wie von Opel immer weniger übrig blieb. Dieser Prozess geht in diesen Monaten unaufhaltsam weiter. Am Schluss nutzt der PSA-Konzern wahrscheinlich nur noch die Marke Opel, während die Technik der Autos ganz aus Frankreich kommt.

Den Personalabbau in deutschen Opel-Werken konnten die militanten IG-Metaller immer nur kurzfristig bremsen. Langfristig erreichten sie das Gegenteil: Opel verpasste den Anschluss an die Konkurrenz. Sowohl die amerikanischen Bosse als auch ihre radikalen deutschen Gegner in der IG Metall erwiesen sich als unfähig, den Wandel zu gestalten. Beide leisteten am Ende bei der Schließung des Standorts Bochum eine Art Offenbarungseid.

Sosehr sich die Führung der IG Metall offiziell weiter für die Opel-Belegschaft ins Zeug legt, sieht sie die Niederlage der Gewerkschaftslinken gar nicht so ungern. Die absolute Mehrheit der Funktionäre glaubt an Co-Management wie bei VW oder Daimler und nicht an militante Streiks wie bei Opel. Die Klassenkampf-Rhetorik setzt die IG-Metall-Spitze nur noch ein, um die eigenen Mitglieder in Reih und Glied zu halten. In Wahrheit aber vertraut sie auch in Rüsselsheim auf Verhandlungen, um wenigstens den traurigen Rest von Opel zu erhalten.