Déjà-vuDie Dynamik doppelter Abgänge

Bei der Hauptversammlung im Januar stellten sich Ulrich Lehner und Heinrich Hiesinger noch gemeinsam den Fotografen. Jetzt sind beide zurückgetreten
Bei der Hauptversammlung im Januar stellten sich Ulrich Lehner und Heinrich Hiesinger noch gemeinsam den Fotografen. Jetzt sind beide zurückgetretenthyssenkrupp AG

Heinrich Hiesinger räumte seinen schwarzen Ledersessel als Erster, Ulrich Lehner folgte nur drei Wochen später. Erst der Vorstandschef, dann der Vorsitzende des Aufsichtsrats. Seitdem kann in Essen bei Thyssenkrupp von Normalität keine Rede mehr sein. Die Arbeiter müssten nun um nicht weniger als den „Erhalt des Unternehmens“ kämpfen, erklärte der altgediente Betriebsratsvorsitzende des Konzerns. Und einige Tageszeitungen im Ruhrgebiet schrieben gar von einem „einmaligen Vorgang“ in der deutschen Unternehmenslandschaft.

In der Tat kommt es nicht häufig vor, dass die beiden wichtigsten Männer eines großen Konzerns gleichzeitig kündigen. Von einem Einzelfall kann aber keine Rede sein. Beispiel Bilfinger: Dort drängten die Großaktionäre 2014 mit einer Hauruckaktion Vorstandschef Roland Koch und seinen Oberaufseher Bernhard Walter aus dem Amt. Deshalb sprechen einige vom „Cevian-Effekt“: Sowohl bei Bilfinger als auch jetzt bei Thyssenkrupp bewirkte der schwedische Fonds Cevian den Abgang der Führungsduos. Viele nennen die Schweden „Aktivisten“, weil sie ihre Eigentümerrechte aktiver wahrnehmen als andere Großaktionäre.

Die aktuelle Capital
Die aktuelle Capital

Manche Anhänger gepflegter deutscher Kungelei behaupten sogar, nur durch solche Aufwiegeleien könne es überhaupt zu einem Chaos kommen wie bei Thyssenkrupp. Doch auch das trägt bei näherem Hinsehen nicht sehr weit. Bei anderen einschlägigen Doppelabgängen waren keine aktivistischen Aktionäre im Einsatz. Wer erinnert sich beispielsweise noch an die turbulenten Tage im Mai 2012, als in den Frankfurter Doppeltürmen der Deutschen Bank die Führungsetage metaphorisch in Flammen stand? Damals riss ein überaus selbstbewusster Chef namens Josef Ackermann seinen eher blassen und streckenweise hilflosen Aufsichtsratschef mit in die Tiefe. Heute erinnert sich kaum noch jemand an dessen Namen: Clemens Börsig.

Neue Gestaltungsräume für eine neue Führung

Will man eine Klammer um all die unterschiedlichen Fälle ziehen, dann kann man nur zwei Thesen wagen: Erstens stecken hinter solchen Doppelabgängen in großen Konzernen immer Machtkämpfe, die schon lange schwelen, bevor sie sich mit großem Krawumms entladen. Zweitens lösen sie fast immer eine besondere Dynamik aus: Wo die beiden Spitzenleute gleichzeitig weg sind, gibt es meist keine Denk- und Diskussionsverbote mehr. Man muss schnell handeln. Viele empfinden das als bedrohlich, weil die alten Sicherheiten dahin sind. Doch damit öffnen sich eben auch neue Gestaltungsräume für eine neue Führung.

Die größte Gefahr für Thyssenkrupp konnte man sowohl bei Bilfinger als auch bei der Deutschen Bank bereits beobachten: Dort kamen im ersten Anlauf die falschen Vorstandsleute ans Ruder – und vertieften das entstandene Wirrwarr noch. Man kann nur hoffen, dass dem Stahl- und Industriekonzern dieses Schicksal erspart bleibt.

Eigentlich ist alles doch ganz einfach, sagte mir einmal der Cevian-Manager Jens Tischendorf: Die Aktionäre müssen gute Leute in den Aufsichtsrat entsenden, der Aufsichtsrat gute Leute in den Vorstand schicken. Doch das Einfache ist eben oft schwer zu machen.