KommentarStahlgewitter bei Thyssenkrupp

Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburg
Thyssenkrupp-Stahlwerk in Duisburgdpa

Die Stahlgewitter bei Thyssenkrupp, seit Tagen halten sie das Land in Atem: Eines der letzten deutschen Konglomerate ringt um seine Zukunft; alles ist hochemotional und symbolisch, weil hier Jahrzehnte von Industriegeschichte erzittern wie Gemälde an holzvertäfelten Wänden der Villa Hügel; mit überlieferten Versprechen auf Sterbebetten, „die Einheit des Unternehmens für die fernere Zukunft möglichst zu wahren“. Und weil 160.000 Menschen um ihre Zukunft fürchten. Es fehlt noch, dass uns Berthold Beitz, der letzte Generalbevollmächtigte der Krupps, leibhaftig erscheint.

Zwei Lager kämpfen erbittert um zwei gegensätzliche Strategien: Auf der einen Seite die Investoren Cevian und Elliott, die Thyssenkrupp zerlegen wollen, in einzelne, angeblich wertvollere Teile. Auf der anderen Seiten sind die Arbeitnehmer und Teile des Managements, die die Einheit erhalten wollen, aber nach Heinrich Hiesinger nun mit Aufsichtsratschef Ulrich Lehner einen zweiten Abgang von ganz oben verkraften müssen.

Mit Macheten durch Industrieurwälder

Paul Singer
Investor Paul Singer (Foto: Getty Images)

Die Lager Gut und Böse scheinen ausgemacht: Hier die Investoren, die unersättlich sind; die die Aufspaltung um jeden Preis fordern, die gierigen Geier, die mit ihren neumodischen Zerschlagungsstrategien machetenmäßig durch gewachsene Industrieurwälder ziehen. Der nächste konzernfreie Landstrich voller „Abgehängter“ scheint besiegelt. Stahlharter Shareholer-Value eben.

Auf der anderen Seite die Kämpfer der sozialen Marktwirtschaft, die verantwortlich handeln und nicht zulassen, dass zwischen Essen, Duisburg und Bochum ein westdeutscher „Rust Belt“ entsteht. Die „Stakeholder“-Philosophie, die alle miteinbezieht: Mitarbeiter, Kunden, Eigentümer. „Wer Klassenkampf von oben sät, wird einen neuen Klassenkampf von unten ernten“, warnt schon der ehemalige Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel im „Handelsblatt“ und erklärt die Investoren zu potentiellen „Feinden der Demokratie“.

Sagen wir mal so: In einem Kinofilm würde ich mich ohne zu zögern auf die Seite von Gabriel schlagen. Klar! Unser Herz schlägt für Industrie-Ikonen, für Tradition, für 160.000 Menschen. Nicht für Fratzen des Kapitalismus wie Eliott-Chef Paul Singer, der vor Hiesinger auch schon den begabten Klaus Kleinfeld (Ex-Alcoa-Chef) auf dem Gewissen hatte. Indes: Das ist kein Film. Und es geht noch nicht mal um Geschichte. Mit einem Denkmal kann man keine Zukunft bauen, und mit einem Museum verteidigt man keine Märkte. Mit Emotionen und Erinnerungen schon gar nicht.