Déjà-vuDrehtürstrategie der Deutschen Bank

Vorwärts in die Vergangenheit! So könnte man die neueste Idee der Deutschen Bank überschreiben. Vorstandschef John Cryan will seine Vermögensverwaltung, neudeutsch: Asset-Management, an die Börse bringen. Zwar will die Deutsche Bank eine Mehrheit an dem profitablen Geschäftsbereich behalten. Aber allein schon die Ausgliederung und der Verkauf einer Minderheitsbeteiligung verändern die Gewichte im Konzern. Wer das nicht glaubt, sollte einfach ein paar Jahre in den Geschäftsberichten der Deutschen Bank zurückblättern.

Die meisten Deutschen können mit dem Namen Deutsche Asset Management nichts anfangen. Aber sie kennen sehr wohl die Aktien- und Rentenfonds mit dem Kürzel DWS. 1956 gründete die Deutsche Bank die Deutsche Gesellschaft für Wertpapiersparen – gemeinsam mit einem guten Dutzend anderer Kreditinstitute. Die Beteiligung der Deutschen Bank an der DWS lag anfangs nur bei einem Drittel. Im Laufe der Jahre aber erhöhte der Konzern seine Anteile fortlaufend. Erst Ende 2004 kaufte die Deutsche Bank die letzten Miteigentümer heraus.

Der Konzern profitiere nachhaltig von der „soliden und wichtigen Ertragsquelle“, erklärte anschließend der damalige Bankchef Josef Ackermann. Seitdem bildet die alte DWS den Kern des neuen Bereichs Deutsche Asset Management.

Jeder Geschäftsbereich der Deutschen Bank stand schon zur Disposition

Was vor zwölf Jahren richtig war, soll jetzt auf einmal wieder falsch sein. Ein typisches Beispiel für die Drehtürstrategie der Deutschen Bank: Jede Säule des Geschäfts – egal ob Investmentbanking, Privatkundengeschäft oder jetzt eben die Vermögensverwaltung – stand in den vergangenen 15 Jahren irgendwann schon zur Disposition. Mal wollten die Chefs der Deutschen Bank den einen Bereich ausgliedern oder ganz verkaufen, mal den anderen. Mal den einen mit dem anderen Bereich zusammenlegen, dann wieder trennen. Die Argumente dafür und dagegen waren weithin austauschbar.

Capital 03/2017
Die aktuelle Capital

Gelitten hat darunter die kontinuierliche Arbeit an der Verbesserung der jeweiligen Bereiche. Die Vermögensverwaltung ist ein gutes Beispiel. Nach ihrer Gründung 1956 verfügte die DWS für viele Jahre fast über eine Monopolstellung in Deutschland. Andere heimische Banken zogen erst viel später nach – und die ausländische Konkurrenz spielte über Jahrzehnte keine große Rolle.

Irgendwann aber wuchs die Konkurrenz schneller als das Asset-Management der Deutschen Bank. Die Chance, durch größere Zukäufe in neue Dimensionen vorzudringen, wurde vertan. Gleichzeitig litt das Management des Bereichs unter ständiger Personalfluktuation. Allein in den letzten fünf Jahren wechselten sich vier Top-Manager in der Führung des Asset-Managements ab.

Der jetzt angedachte Börsengang dient allein kurzfristigen Zielen. Mit den Einnahmen aus dem Verkauf will die Deutsche Bank ihr knappes Eigenkapital stärken. Mittel- bis langfristig sinken dadurch aber gleichzeitig die sicheren Einnahmen aus der Vermögensverwaltung. Und vielleicht noch schlimmer: Die Ausgliederung des Bereichs dürfte wieder einmal dazu führen, dass sich Tausende von Mitarbeitern mit allem Möglichen beschäftigen. Nur nicht mit ihren Kunden.


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und Pläne von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit. Die vorliegende Kolumne ist in der aktuellen Capital erschienen. Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon


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