Déjà-vuDer unwürdige Eier­tanz um Taiwan

Bei der Corona-Bekämpfung gilt Taiwan als vorbildlich, doch politisch wird der Inselstaat aus Rücksicht vor China immer noch an den Rand gedrängtimago images / ZUMA Press

Als in der zweiten April-Hälfte eine Million OP-Masken als Geschenk aus Taiwan in Berlin eintrafen, kam dem Sprecher der Bundesregierung kein Wort des Dankes über die Lippen. Die kleine Zeremonie, die eigentlich geplant war, fand nicht statt. Ein typischer Vorgang in den Beziehungen zwischen Deutschland und Taiwan – die es offiziell gar nicht gibt. Die Volksrepublik China beharrt auf ihrem Anspruch, die Insel mit ihren 24 Millionen Einwohnern sei Teil ihres Staatsgebiets. Und die Führung in Peking erpresst die Deutschen zu einem unwürdigen Eiertanz, wann immer es um Kontakte zur demokratisch gewählten Regierung der Republik Taiwan geht.

Die neue Capital

Dabei hat sich die Inselrepu­blik in der Corona-Krise wieder einmal als das bessere China erwiesen. Keine andere Regierung warnte so früh wie die Verantwortlichen in der Hauptstadt Taipeh vor der Ausbreitung des Virus. Und kaum ein anderes Land war so erfolgreich in der Bekämpfung der Pandemie wie Taiwan. Als Peking noch auf Vertuschung setzte, handelte Taiwan bereits konsequent und sehr erfolgreich. Mit dieser Disziplin und Durchsetzungskraft ist die Insel in den vergangenen Jahrzehnten auch zu einem Wirtschaftswunderland geworden.

Als ich Taiwan 1986 zum Nationalfeiertag am 10. Oktober zum ersten Mal besuchte, herrschte noch der greise Sohn des früheren Diktators Chiang Kai-shek mit eiserner Hand. Bei der großen Militärparade donnerten Kampfjets über unsere Köpfe. Und auf Transparenten stand die Losung „Tod den roten Banditen in Peking!“. Taiwan erhob damals selbst den Anspruch, ganz China zu vertreten, und verharrte im Geist der 40er-Jahre, als sich Chiang im Bürgerkrieg mit Mao vergeblich an die Macht auf dem Festland klammerte.

Taiwan ist ein wichtiger Handelspartner

Als ich zehn Jahre später in Taipeh mit Stan Shih sprach, dem legendären Chef des Computerherstellers Acer, war das Land nach seinen Worten „mitten im größten Aufbruch seiner Geschichte“. Die „vier kleinen Drachen“ Taiwan, Singapur, Hongkong und Südkorea entwickelten sich wirtschaftlich im Rekordtempo. 1996 erlebte die Insel auch politisch ihre Neugeburt: ihre erste demokratische Präsidentenwahl. Nur vier Jahre später kam die Opposition an die Macht, die bis heute auf mehr Unabhängigkeit Taiwans setzt. Nach der Finanzkrise 2008 erholte sich die Exportwirtschaft schneller als der Rest Asiens. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt mit 25.000 Dollar etwa dreimal so hoch wie in China.

Inzwischen ist Taiwan der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands in Asien, 250 unserer Unternehmen arbeiten dort. Aber politisch behandeln wir die Insel immer noch wie ein lästiges Anhängsel der VR China. Und das aus nur einem Grund: um bloß nicht die Führung in Peking zu verärgern. Sie hat es geschafft, ihre Wohlverhaltensregeln in ganz Europa durchzusetzen – verhält sich aber selbst durchaus nicht wie ein ehrlicher Partner der Weltgemeinschaft, wie die Vertuschungen in Wuhan gezeigt haben.

Es ist an der Zeit, sich engere Beziehungen mit Taiwan nicht länger verbieten zu lassen. Auch unterhalb der Schwelle einer förmlichen diplomatischen Anerkennung gibt es viele Möglichkeiten, stärker zusammenzuarbeiten.

 


Bernd Ziesemer war Chefredakteur des „Handelsblatt“. In der Kolumne „Déjà-vu“ greift er jeden Monat Strategien, Probleme und politische Aspekte von Unternehmen auf – und durchleuchtet sie bis in die Vergangenheit.