Tourismus Capital erklärt: Wie geht es weiter mit der Tourismus-Branche?

Fernreisen wird es 2020 wohl nicht geben.
Fernreisen wird es 2020 wohl nicht geben.
© Eibner Europa / IMAGO
Die Tourismus-Industrie leidet in der Pandemie weltweit besonders. Was sind die Aussichten für die Branche und wie ist die Lage in Deutschland?

In unserer Reihe Capital erklärtgeben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: Die Tourismus-Branche in der Corona-Krise – mit Redakteur Claus Hecking,der bei Capital unter anderem zur EU-Politik, Umweltthemen und Tourismus schreibt.

Viele europäische Staaten lockern seit Wochen ihre Corona-Maßnahmen. Das weckt bei den Menschen die Hoffnung, doch noch im Süden Urlaub machen zu können. Wie stehen die Chancen?

Im Moment sieht es recht gut aus: für Urlaub in Europa. Am 15. Juni werden viele innereuropäische Grenzen wohl wieder geöffnet. Diese und andere Lockerungen stehen natürlich unter dem Vorbehalt, dass die Corona-Fallzahlen und Neuinfektionen niedrig bleiben. Damit wird es möglich sein, Ferien in Spanien, Italien, Österreich oder Griechenland zu machen – sofern man das will. Fernreisen halte ich dagegen für höchst unwahrscheinlich. Während die Pandemie in Europa weitgehend abflacht, ist die Situation in anderen Teilen der Welt ganz anders, etwa in Brasilien oder Indien. Die Bundesregierung wird wohl die Reisewarnung für Staaten außerhalb Europas bis zum 31. August verlängern.

Den Tourismusbetrieben in Europa fehlen Einnahmen, in Italien etwa rechnet ein Branchenverband rechnet mit 70 bis 80 Prozent weniger Umsätzen in diesem Jahr. Wie hart trifft es die deutschen Betriebe?

Natürlich hat es auch die deutsche Branche hart getroffen, keine Frage. Das komplette Ostergeschäft fiel aufgrund des Lockdowns weg, ebenso wie lange Wochenenden zum Beispiel am 1. Mai. Aber seit den jüngsten Lockerungen nimmt die Branche wieder Fahrt auf, das Pfingstgeschäft etwa lief schon wieder ziemlich gut.

Sommergeschäft könnte einiges retten

Es gibt zwei gegenläufige Trends. Einerseits geben mehr Deutsche als üblich in Umfragen an, dass sie dieses Jahr gar keinen Urlaub machen wollen: wegen der Angst vor dem Virus und wegen der Wirtschaftskrise. Andererseits wollen viele mehr Deutsche als sonst in diesem Jahr auf Auslandsreise verzichten – und statt dessen an die deutschen Küsten und Ferienregionen ausweichen. Welcher dieser Trends stärker ist, das ist noch nicht klar. Allerdings zeichnet sich ab: die Tendenz zum komplett Daheimbleiben geht seit einigen Wochen zurück. Das dürfte an den voranschreitenden Lockerungen liegen, die eine gewisse Alltagsnormalität vermitteln. Das Tourismusgeschäft wird in diesem Jahr insgesamt sicher nicht überragend ausfallen. Es wird ein schlechtes Jahr werden. Aber das Sommergeschäft könnte einiges retten.

Der Bundesverband der deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) fordert staatliche Hilfe, um die Branche und ihre drei Millionen Mitarbeiter und Tausende meist mittelständische Unternehmen zu stützen. Ist diese Forderung realistisch?

Es kommt darauf an. Ganz massiv haben Reisebüros gelitten. Die haben oft auch Liquiditätsengpässe. Sie mussten den Kunden ihr Geld zurückerstatten, haben aber ihrerseits von Fluglinien und Hoteliers nicht so schnell die Rückerstattungen bekommen. Zudem sind sie auf die Provisionen der Reiseveranstalter angewiesen. Die wiederum zahlen oft erst, wenn der Kunde die Reise antritt. Buchungen für 2021 bringen den Reisebüros also auch erst im nächsten Jahr Einnahmen. Viele dieser Betriebe haben schon zu Beginn der Krise Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter sowie Hilfe vom Staat beantragt – und auch bekommen.

Bei den Hoteliers und Besitzern von Unterkünften gibt es ganz unterschiedliche Fälle. Wer etwa Ferienhäuser vermietet, muss wenige Einschränkungen hinnehmen und könnte in diesem Sommer ein gutes Geschäft machen, denn solche Unterkünfte dürften beliebt sein. Auf der anderen Seite haben zum Beispiel Betreiber von Jugendherbergen oder Berghütten massive Probleme, denn bei einem Schlafsaal oder einem Matrazenlager dürfte es Beschränkungen zum Abstandhalten geben, es ist kaum denkbar, dass hier fremde Menschen zu Dutzenden dicht an dicht nebeneinander in einem Raum schlafen. Viele Gäste werden solche Nächtigungsgelegenheiten ganz meiden. Die Bundesregierung hat in ihrem Konjunkturpaket von Anfang Juni zugesagt, diesen Betreibern zu helfen. Volkswirtschaftlich ist der Schaden in der Touristikbranche für Deutschland nicht so schwerwiegend wie für die Mittelmeerländer. In Staaten wie Italien, Spanien, Griechenland oder Kroatien leben Millionen Menschen vom Tourismus, der Anteil an der Wirtschaftsleistung beträgt zwischen 12 und 20 Prozent. In Deutschland ist er geringer.

Viele Menschen sind verunsichert

Trotz der Lockerungen wird es einige Schutzmaßnahmen wie Abstandsregelungen, Maskenpflicht oder geschlossene Clubs geben. Wird das Touristen abschrecken?

Sicher werden diese Maßnahmen auf viele Menschen abschreckend wirken - auch, weil sie so im Urlaub immer vor Augen geführt bekommen, dass sie sich anstecken können. Immerhin werden Ideen wie Plexiglaskästen am Strand zur Abtrennung der Urlauber voneinander wohl kaum in die Praxis umgesetzt werden. Wissenschaftliche Untersuchungen legen zum Glück nahe, dass die Infektion mit dem Sars-Cov-2-Virus an der frischen Luft längst nicht so wahrscheinlich ist wie in geschlossenen Räumen.

Einige Ferienregionen werben mit Zuschüssen zum Flugpreis oder der Hotelübernachtung, auch die Lufthansa wirbt mit der „Home-Coming-Garantie“. Sind das lediglich gute PR-Maßnahmen?

Viele Menschen sind verunsichert – weil sie fürchten, sich in der Ferne anzustecken und dort im Falle eines erneuten Lockdowns stecken zu bleiben. Die Angebote der Veranstalter sollen ihnen diese Ängste nehmen. Bundesaußenminister Heiko Maas sagt immer wieder, man könne nicht wieder eine Viertelmillion Touristen zurück nach Deutschland holen. Das Risiko, irgendwo zu stranden, spornt nicht gerade dazu an, einen Flug zu buchen. Wenn die Lufthansa aber verspricht, dass ihre Kunden garantiert auch wieder zurück nach Hause kommen, gibt das den Kunden ein Sicherheitsgefühl.

Österreich wirbt mit umfassenden Sars-CoV-2-Tests der Mitarbeiter im Gastronomie- und Hotelsektor. Auch das ist eine gute Idee: gerade nach dem Skandal von Ischgl, wo vermutlich Mitarbeiter von Tourismusbetrieben Hunderte deutsche Urlauber angesteckt haben. Diese Tests können Vertrauen schaffen und den Gästen das Gefühl geben, dass sie hier sicher sind.

Verursachter Schaden wird die Weltwirtschaft treffen

Wie lange wird die Tourismusbranche brauchen, um sich von der Coronakrise zu erholen?

Das ist abhängig von mehreren Faktoren: Erstens davon, wie lange die Pandemie noch dauert und wie sich Fallzahlen und damit auch die Schutzmaßnahmen entwickeln. Zweitens hängt es daran, wann es einen Impfstoff oder wirksame Medikamente gegen die Krankheit geben wird. Und zuletzt natürlich von der wirtschaftlichen Gesamtsituation.

Der Tourismus hier in Deutschland ist meistens national geprägt. An vielen Orten machen vor allem Deutsche Urlaub. Da sich viele Deutsche jetzt dafür entscheiden, Ferien im Inland oder wenigstens Wochenendtrips zu machen, könnten Hoteliers und Restaurantbesitzer in Urlaubsregionen im Sommer vielleicht ein ganz gutes Geschäft machen.

Weltweit sieht das ganz anders aus. Die italienische, spanische, französische und türkische Tourismusindustrie haben massive Probleme. Das gesamte Frühjahrsgeschäft ist weggefallen, und ob sie im Sommer gute Geschäfte machen, steht noch in den Sternen. In Portugal und Griechenland mag das womöglich etwas besser aussehen, weil das Infektionsgeschehen dort geringer war und vielleicht mehr Touristen in diese Länder kommen. Aber auch hier war das Geschäft bislang sehr mau. Und vergessen Sie nicht: wegen der Abstandsregelungen können Hoteliers oft nicht die volle Kapazität vermieten. In Metropolen wie London oder New York fällt der Tourismus gerade komplett aus, ebenso in Staaten wie Ägypten, Brasilien oder Indien, die teils noch in einem früheren Stadium der Pandemie sind.

Der Schaden, den die Pandemie im Tourismus angerichtet hat, wird die Weltwirtschaft treffen. Rund 10 Prozent der Weltwirtschaftsleistung oder etwa 6600 Milliarden Euro hängen in normalen Jahren am Reisesektor. Das ist in etwa doppelt so viel wie das gesamte deutsche Bruttoinlandsprodukt. 2020 werden die Umsätze dramatisch einbrechen. Aber das ist nicht das Ende aller Tage. Wenn es einmal eine Impfung gegen COVID19 gibt, wirksame Medikamente oder zumindest effektive Schutzmaßnahmen, die Masseninfektionen verhindern, wird der Tourismus wieder auf breiter Front zurück kommen. Bei vielen Menschen ist die Lust aufs Reisen ungebrochen - gerade nach den Lockdowns.


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