Capital erklärtSpacs – durch die Hintertür an die Börse

Das Flugtaxi-Start-up Lilium ist das jüngste Beispiel für einen Börsengang per Spac
Das Flugtaxi-Start-up Lilium ist das jüngste Beispiel für einen Börsengang per SpacLilium


In unserer Reihe Capital erklärt geben wir einen komprimierten Überblick zu aktuellen Wirtschaftsthemen. Diesmal: „Spacs – durch die Hintertür an die Börse“ mit Capital-und Finance-Forward-Redakteur Caspar Tobias Schlenk, der über Start-ups und Fintechs schreibt.


Die geplante Fusion von Lilium und Qell Acquisition ist das jüngste Beispiel für einen Börsengang per Spac. Wie funktionieren sie?

Am Anfang gibt es ein Team von Investoren oder Unternehmern, die eine Special Purpose Acquisition Company – kurz Spac –  gründen. Es handelt sich dabei um eine leere Firmenhülle, die die Spac-Macher an die Börse bringen und dabei Geld einsammeln. Mit dieser Kriegskasse kann die Spac nach einem geeigneten Unternehmen für eine Fusion suchen und hat 24 Monate Zeit dafür. Im Vorfeld legt sie dabei eine Richtung für ihre Investitionen fest. Qell Acquisition, mit dem Lilium fusionieren will, hat als Fokus „Mobilität der nächsten Generation“ gewählt. Mit der Fusion ist das gekaufte Unternehmen dann über die Spac direkt an der Börse gelistet.

Was macht diesen Schritt für Start-ups wie Lilium so attraktiv? 

Allgemein gibt es drei Dinge, die Spac-Deals für Start-ups attraktiv machen: Erstens kommen die gekauften Unternehmen schneller an die Börse. Ein normaler Börsengang dauert in der Vorbereitung ungefähr 18 Monate, das Management muss beispielsweise auf einer Roadshow um potentielle Investoren werben. Spac-Transaktionen werden dagegen teilweise schon innerhalb von wenigen Monaten vollzogen. Zweitens haben Investoren eine gewisse Transaktionssicherheit, weil der Preis mit den Spac-Managern festgelegt wird. Drittens stehen hinter den Spacs teilweise erfahrene Manager, die nach der Fusion an Bord bleiben und helfen sollen, die gekauften Unternehmen groß zu machen.

Was ändert sich für Lilium durch die Fusion?

Vor allem in der Bewertung macht sich der Schritt bemerkbar. Aktuell sehen die Lilium-Investoren den Unternehmenswert bei ungefähr 1 Mrd. Dollar. Nach der Verschmelzung mit Qell Acquisition werden es 3,3 Mrd. Dollar sein. Durch die Fusion fließen Lilium nach eigenen Angaben außerdem rund 830 Mio. Dollar zu. Damit will es das Start-up schaffen, in 2024 mit seinen Lufttaxis in den kommerziellen Betrieb einzusteigen. Dann soll auch ein neuer Jet im Einsatz sein, der Platz für sechs Personen plus Pilot hat. Personell wird es auch Veränderungen geben. Zum Beispiel wird Barry Engle, der Ex-General-Motors-Manager und CEO von Qell Acquisition, künftig im Aufsichtsrat sitzen.

Welche Vorteile haben Spac-Deals denn für die Beteiligten?

Für die Lilium-Gesellschafter hat die Fusion mit einer Spac den Vorteil, dass sie den Preis der Transaktion kennen, weil man die Bewertung bereits im Vorfeld verhandelt hat. Der Investor hinter dem Spac erhält nach der Fusion einen Anteil am neuen Unternehmen – als eine Art Belohnung. Außerdem ist die Präsentationen der Geschäftszahlen nach vorne gerichtet – also auf zukünftige Umsätze –, was bei einem klassischen Börsengang schwieriger ist. Dies ist zum Beispiel für Lilium auch nötig, weil es ja bislang noch kein fertiges Produkt oder Umsätze gibt. Aus Anlegersicht sagen Befürworter, dass Spacs gerade Kleinanlegern die Möglichkeit bieten, in aussichtsreiche Techfirmen zu investieren, in die sonst nur Venture-Capital-Gesellschaften investieren können. Die Deals sind aber auch umstritten.

Warum?

Viele der gekauften Unternehmen sind noch nicht reif genug für einen Börsengang, weil sie wie Lilium noch keinen Umsatz erwirtschaften oder ein funktionierendes Geschäftsmodell haben. Für einen Privatanleger ist es schwierig, die Technologie etwa von Lilium überhaupt zu bewerten, er kann die Firma ja nicht prüfen. Eine Analyse des Wall Street Journals von Januar 2019 bis Juni 2020 zeigt außerdem, dass der Wert der Firmen nach der Fusion um durchschnittlich zwölf Prozent gesunken ist. Einigen Kritikern ist auch der Anteil der Spac-Macher am gekauften Unternehmen zu hoch. Der größte Kritikpunkt ist aber, dass es angesichts der vielen Spacs schwierig sein wird, vielversprechende Fusionskandidaten zu finden. Es gibt sicherlich auch ein paar gute Kandidaten, allerdings ist die Nachfrage offenbar deutlich höher als das Angebot.

Was passiert denn eigentlich, wenn die Spacs nach Ablauf der Frist kein Unternehmen finden?

In diesem Fall kriegen Anleger ihr Geld zurück, es ist also nicht so, dass die eigenen Investitionen dann für immer weg sind. Das gilt übrigens auch, wenn Anleger mit dem Übernahmeobjekt nicht zufrieden sind. Dann können sie ihre Aktien zurückgeben und bekommen den Kaufpreis erstattet.