Voice of AmericaAmerikas unstillbare Sehnsucht nach Idolen

Ruth Bader Ginsburg
Ruth Bader Ginsburgdpa

Amerikas berühmteste Richterin ist an diesem Sonntag ins Kennedy Center gekommen, um über Opernmusik zu sprechen. Das Publikum bricht in Jubel aus, als Ruth Bader Ginsburg auf die Minute pünktlich die Bühne betritt. Die 86-Jährige trägt Pumps, ihr schwarzer Hosenanzug mit Samtkragen ist zu groß für die zierliche Person, die vier Krebserkrankungen überstanden hat.

Sie hat einen Stoffbeutel mit dem Aufdruck „I dissent“ dabei – dem Satz, mit dem ein Mitglied des US-Verfassungsgerichts das Mehrheitsvotum seiner Kollegen ablehnt. Bader Ginsburgs lebenslange Bereitschaft, abweichende Positionen zu vertreten und gegen die Diskriminierung von Frauen zu kämpfen, hat sie zur Ikone der Linken gemacht.

Symbol für das andere Amerika

Cover der neuen Capital
Die aktuelle Capital

Auf der Bühne sitzen neben ihr die weltweit bekannte Krimiautorin Donna Leon und die gefeierte Operndiva Joyce DiDonato. Doch beide sind an diesem Tag Nebendarstellerinnen. Die Zuschauer, von denen manche seit 3 Uhr morgens vor der Halle kampierten, sind wegen der alten Dame da, die zum Symbol für das andere, bessere Amerika geworden ist.

Amerikaner dürsten nach Helden, und wen sie dazu erkoren haben, den lieben sie mit Inbrunst und kapitalistischer Energie. „RBG“ ist zur Marke geworden: Man kann sie als lebensgroßen Aufsteller für den Hausflur oder als Miniaturfigur für den Schreibtisch kaufen. Es gibt kaum einen Alltagsgegenstand, auf dem ihr prägnantes Gesicht mit der schwarzen Brille, den Ohrringen und den zum Zopf gebundenen Haaren nicht verewigt wurde: Tragetaschen, Kaffeebecher, Socken, T-Shirts, Christbaumkugeln – man beschenkt Bekannte mit gleicher Gesinnung. Es ist eine Art Code der „Résistance“ gegen Donald Trump.

„Ich gehe davon aus, dass ich so lange leben werde, bis der Kongress wieder funktioniert“

Ruth Bader Ginsburg

Idole wie sie wissen, dass sie ihren Fans etwas schulden. Wenn sie vor Gericht zu „I dissent“ ansetzt, trägt sie immer die gleiche schwarze Halskette – und diesen Schmuck wählte sie auch für den Tag nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten. Selbst wo sie ihre zahllosen Haarbänder kauft, hat sie ihren Fans mittlerweile verraten (am liebsten nämlich in Zürich). Natürlich wurde ihr Leben inzwischen zum Kinofilm verarbeitet.

Doch das Heldenepos könnte tragisch enden. Stirbt die auf Lebenszeit ernannte Richterin, solange Trump Präsident ist, darf dieser einen Nachfolger bestimmen und damit die konservative Mehrheit des Obersten Gerichts auf Jahrzehnte zementieren. Bader Ginsburg kann trotz ihres Alters nicht in Rente gehen, selbst wenn sie wollte. Es wäre ein Verrat an ihren Getreuen. Sie trägt die Bürde äußerlich mit großer Leichtigkeit. „Ich gehe davon aus, dass ich so lange leben werde, bis der Kongress wieder funktioniert“, verspricht sie im Kennedy Center. Applaus. Der Hunger nach einem anderen Amerika ist groß.

 


Unsere Kollegin Ines Zöttl lebt und arbeitet in Washington. Sie schreibt jeden Monat über Politik und Wirtschaft in den USA. Hier finden Sie weitere Kolumnen aus der Reihe Voice of America