Voice of AmericaMarode Infrastruktur - Loch ohne Boden

Marode Infrastruktur in den USA
Marode Infrastruktur in den USAGetty Images

Eines Tages tauchten vor meinem Haus die ersten Gelbwesten auf. Mit Spritzpistolen markierten sie die Straße, den Gehweg und unsere Blumenbeete mit gelben, grünen und blauen Strichen. Irgendwann erhielt ich dann ein eng bedrucktes Flugblatt mit der Überschrift „Low Service Water Main Inspection and Repair Project“. Beginn der Arbeiten: Oktober 2018. Fertigstellung: Juli 2019.

Seitdem sind die Gelbwesten zum vertrauten werktäglichen Anblick geworden. Morgens um 9 fährt ein Kran vor und entfernt die beiden fünf mal fünf Meter großen Stahlplatten, die das Bauloch bedecken. Es folgt der Laster mit dem Klohäuschen. Dann wird die Ulme am Straßenrand mit Gittern gesichert. Insgesamt dauern diese Vorbereitungen gut eine Stunde. Anfangs wurden noch zwei mobile Ampeln installiert, bald aber übernahmen vier weitere Männer die Regelung des dünnen Wohngebietverkehrs. Ab 15 Uhr nachmittags wird dann aufgeräumt: die Sperren abgebaut, das Klohäuschen verladen, das Bauloch mit Platten abgedeckt, die Nähte verteert. Auch das dauert eine Stunde.

Cover der neuen Capital
Cover der neuen Capital

Nicht nur in Washington ist der Reparaturbedarf bei der Infrastruktur enorm. Im Bundesstaat Michigan hat die jetzige Gouverneurin ihren Vorgänger mit dem Slogan „Fix the Damn Roads!“ aus dem Amt gejagt. Wenn es noch etwas gibt, worüber sich Linke und Konservative, Farmer und Ostküstenintellektuelle einig sind, dann ist es der erbärmliche Zustand der Straßen, Brücken, Schienen und Energienetze.

Präsident Donald Trump hat ein 1500-Mrd.-Dollar-Sanierungs-paket vorgeschlagen. Seine demokratische Gegenspielerin Nancy Pelosi kritisierte das als lächerliches „Mini-Nichts eines Infrastrukturgesetzes“ – und will mit Trump nun über ein Paket von bis zu 2000 Mrd. Dollar verhandeln. Das Schaulaufen um die höchste Summe ist natürlich politisches Theater. Kein Politiker wird sich trauen, für die Investitionen die Defizite oder die Steuern signifikant zu erhöhen. In Kalifornien hat der neue Gouverneur gerade eines der ambitioniertesten Projekte des Landes begraben: Der Hochgeschwindigkeitszug, der die Ballungsräume Los Angeles und San Francisco verbinden sollte, wurde ihm zu teuer.

Vor meinem Haus wurde kurz nach der Straße übrigens auch noch der Gehweg aufgerissen. Ein Passant hatte Gasgeruch gemeldet. Diesmal kam ein einziger Arbeiter, der bis tief in die Nacht schuftete. Er flickte die lecke Gasleitung provisorisch, schüttete das Loch dann notdürftig mit Teer zu, die Pflastersteine stapelte er neben dem Tor. Die Gaszuleitung müsse ausgetauscht werden, ließ er mich wissen, bevor er sein Werkzeug wieder einpackte. Man werde sich melden. Es sei aber gerade so viel anderes zu tun, dass es gut ein Jahr dauern könne.