Voice of AmericaWarum in den USA Senioren im Berufsleben selbstverständlich sind

Mitte 60 in Rente? In den USA ist das keine Selbstverständlichkeit
Mitte 60 in Rente? In den USA ist das keine SelbstverständlichkeitGetty Images

Die alte Dame, die sich vor mir am Gepäckfach der American-Airlines-Maschine abmüht, ist mindestens 70. Ihr Gesicht ist mit Runzeln übersät, das dünne, graue Haar hat sie zum Zopf gebunden. Dass sie kein Passagier, sondern die Stewardess ist, begreife ich erst, als sie das Öffnen des Sitzgurts vorführt.

Senioren im Berufsleben sind in den USA eine Selbstverständlichkeit. Viele Arbeitnehmer wollen nicht mit Mitte 60 aufhören. In der Politik gilt das sowieso: Der Präsident ist gerade 73 geworden, die Sprecherin des Repräsentantenhauses hat noch sechs Jahre mehr auf dem Buckel, das Durchschnittsalter im Senat liegt bei knapp 60.

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Menschen, die an ihrem Job hängen, trifft man überall in den USA. Der gut situierte Professor aus Tucson, Arizona, der bis 70 an der Uni lehrte und seitdem als Ghostwriter Biografien schreibt, gehört dazu. Es mache ihm einfach Spaß, sagt er. Der betagte Barbesitzer aus McAllen, Texas, argumentiert dagegen scherzhaft, dass er am eigenen Tresen einfach besser Frauen anbaggern kann.

Amerika kennt kein festes Rentenalter. Die staatliche Sozialversicherung zahlt frühestens ab 62, fördert aber das Arbeiten bis 70 mit satten Aufschlägen. Wer im Militär dient, kann schon nach 20 Jahren ausscheiden. Das lässt Zeit für Zweitkarrieren, wie bei den Freunden Mark, Tom und Marc, die Air-Force-Piloten waren, bevor sie 2010 auf ihrem Weingut Flying Leap die ersten Reben pflanzten.

McDonald’s stellt Senioren ein, weil die früh aufstehen

Für die meisten Amerikaner lautet die zentrale Frage zum Renteneintritt: Kann ich mir das leisten? Angesichts der dürftigen staatlichen Zahlungen hängt das von der eigenen Vorsorge ab – und damit oft von der Entwicklung des Aktienmarkts. Steigen die Kurse, wächst auch die Zahl der sogenannten 401(k)-Millionäre, benannt nach einem steuerbegünstigten Sparplan.

Am anderen Ende des Spektrums stehen jene 42 Prozent der Amerikaner, die laut einer Umfrage mit weniger als 10.000 Dollar Erspartem aus dem Erwerbsleben scheiden. Das Bureau of Labor Statistics prognostiziert, dass die Erwerbsquote der über 75-Jährigen bis 2026 um 91,5 Prozent und die der 65- bis 74-Jährigen um 50 Prozent steigen wird. „Die Babyboomer müssen der Realität ins Auge sehen, dass sie womöglich nie in Rente gehen werden“, warnt ein Finanzdienstleister.

Angesichts des Arbeitsmarkts freut das manche Unternehmen. McDonald’s etwa inseriert seine Sommerjobs neuerdings auf den Netzseiten der AARP, der wichtigsten Senioren-Lobbygruppe. Die Fast-Food-Kette setzt auf den veränderten Lebensrhythmus der Senioren – kurz: die senile Bettflucht. Junge Arbeitskräfte, heißt es in den Anzeigen, seien morgens oft in der Schule – „oder es fehlt ihnen an Begeisterung für die Fünf-Uhr-Frühschicht“.


Unsere Kollegin Ines Zöttl lebt und arbeitet in Washington. Hier schreibt sie jeden Monat über Politik und Wirtschaft in den USA.