UhrenWarum gebrauchte Uhren zu Anlageobjekten werden

Der Uhrenexperte, Buchautor und Gründer Prof. Oliver Hoffmann
Der Uhrenexperte, Buchautor und Gründer Prof. Oliver HoffmannPR

Uhr statt Urlaub, nach dieser Devise wurde in der Pandemie zur Freude der großen Marken tapfer weiter in Zeitmesser investiert. In den Metropolen mussten die Marken durch angeordnete Schließungen und mangels Touristen deutliche Umsatzeinbrüche in ihren Flaggschiff-Boutiquen verkraften. Dafür konnten viele unabhängige Juweliere, das war in den letzten Wochen bei den Orderrunden zu hören – ihre lokale Stammkundschaft erstaunlich gut zu Käufen motivieren. Mancher Inhaber sprach gar hinter vorgehaltener Hand über 2020 als „einem der besten Geschäftsjahre überhaupt“.

Durch zeitweilig geschlossene Manufakturen versiegte da bei besonders begehrten Modellen, etwa von Rolex, Patek Philippe, Audemars Piguet oder Omega, schon mal der Nachschub. Sehr zum Verdruss der Fans. Die eingeschränkten Verkaufspunkte und vorübergehende Knappheit sorgte anderswo für frohe Mienen: bei den seit Jahren stetig wachsenden Online-Plattformen, die den Handel mit gebrauchten Uhren entweder selbst betreiben oder das Portfolio anderer Anbieter auf ihrem Marktplatz bündeln. Vintage, pre-owned, pre-loved, Zweit- oder „Graumarkt“ – welche Bezeichnung man für das Business großer Player wie Chrono24, Watchfinder, Chronext und anderen wählt, sagt meist auch etwas über den persönlichen Standpunkt aus.

Fakt ist, dass diese oft internationalen Kanäle die Point-of-Sale-Landschaft dauerhaft bereichern. Fakt ist auch, dass der Kauf einer Uhr dort mehr Sachkenntnis erfordert als die Vollkasko-Situation in einer offiziellen Boutique oder einem autorisierten stationären Händler, zum Teil ja mit bis zu siebenjähriger Garantie auf die Neuware. Unseren umfassenden Ratgeber mit vielen Insider-Informationen zum Thema Ratgeber zum „Gebrauchtuhren-Kauf“ finden Sie gleich hier auf Capital.de.

Eine weitere Profi-Perspektive zum Investment in hochwertige Uhren gibt im folgenden Interview Professor Oliver Hoffmann, Autor des Buches „Vom nützlichen Luxus“. Hoffmann ist beratend für verschiedene Auktionshäuser wie Christie’s und Plattformen tätig und Mitbegründer des Verkaufsportals Auparo.

Herr Hoffmann, erinnern Sie sich noch an Ihre erste „richtige“ Uhr, also nach den üblichen Casio- und/oder Swatch-Modellen, die man oft als Kind oder Jugendlicher trägt?

OLIVER HOFFMANN: Das weiß ich noch ganz genau: eine „Emperador“ in Rotgold von Piaget, das großzügige Geschenk meines Großvaters. Ein ziemlich exotisches Modell, das ich mir heute wohl nicht mehr aussuchen würde. Aber damals hat es mir gut gefallen.

Kann man bei der Uhr als Wertanlage wirklich von einem Boom sprechen?

Wenn man bedenkt, dass sich die Preise im Gesamtmarkt in den letzten zehn Jahren verdreifacht haben, würde ich durchaus von einer sehr dynamischen Entwicklung sprechen. Natürlich trifft das nicht auf alle Marken gleichermaßen zu, aber viele Modelle haben überproportional von der steigenden Beliebtheit der Uhr als Luxusgut profitiert. Da bestärkten sich also die gestiegene soziale Wahrnehmung und eine deutlich umfangreichere Begleitung der Branche, von Auktionen und des Sekundärmarktes in den Medien gegenseitig.

Was vermuten Sie als Grund für die Attraktivität von Uhren als Investment?

Die Uhr verbindet zwei Aspekte, die sie zu einer interessanten Anlageform machen: Es gibt einen etablierten Sekundärmarkt, der eine effiziente Preisbildung hat, liquide ist und klare Mechanismen aufweist. Zudem weist der Uhrenmarkt gewisse Einstiegshürden auf, sodass Marktteilnehmer über ein Mindestmaß an Sachkenntnis verfügen müssen, um erfolgreich agieren zu können. Dieses Basis-Know-how schätzen Investoren. Und nicht zuletzt sind Uhren klein, leicht und einfach zu lagern, was ihre Attraktivität zusätzlich befördert.

Sein Buch „Vom nützlichen Luxu“ erschien 2020 im Börsenbuchverlag.
Sein Buch „Vom nützlichen Luxus“ erschien 2020 im Börsenbuchverlag.

Liegt die steigende Beliebtheit der Pre-Loved-Uhren auch an der Knappheit mancher Modelle auf dem ersten Markt, also direkt von der Manufaktur bzw. autorisierten Fachhändlern und Juwelieren?

Ich würde es eigentlich genau andersherum sehen: Dadurch, dass Uhren am Sekundärmarkt so überaus erfolgreich und beliebt sind, sind Uhren im Primärmarkt auch stärker nachgefragt, da die Kunden hier eine kommende Preissteigerung antizipieren und die Modelle natürlich eine viel stärkere Präsenz im Diskurs haben. Im Optimalfall bedingen sich die Knappheit im Primärmarkt und die Knappheit im Sekundärmarkt gegenseitig.

Wenn Sie Einsteigern drei Ratschläge für den Kauf einer Uhr als Wertanlage geben könnten, wie lauteten diese?

Erstens: Entwickeln Sie Eigeninteresse und informieren Sie sich umfassend über Uhren, sei es beim Händler oder aus Literatur und Büchern. Es gibt sehr viel gute Literatur über Uhren und Uhrenmarken. Zweitens: Kaufen Sie am Anfang ausschließlich, was Ihnen auch gefällt und Sie tragen würden – gerade Erstkäufe tendieren dazu, nicht unbedingt immer das beste Investment zu sein; der Markt ist komplex und erfordert einiges an Erfahrung, um hier wirklich erfolgreich investieren zu können. Drittens: Achten Sie darauf, im Einkauf nicht zu hohe Preise zu zahlen – gerade wenn man als Uhrenliebhaber unterwegs ist, darf man nicht vergessen, dass es sich um ein Investment handelt und nicht um einen Konsumkauf.

Meist spricht man in diesem Kontext von drei bis maximal fünf Marken, die das Geschehen dominieren. Warum gelingt es anderen Häusern kaum, sich hier zu positionieren – und bei welchen sehen Sie den Tipping Point erreicht, zu den ewigen Platzhirschen aufzuschließen?

Ja, im Wesentlichen sind es drei große Uhrenmarken (Patek Philippe, Audemars Piguet und Rolex) sowie eine Handvoll kleinerer, unabhängiger Uhrenmarken, die das Geschehen dominieren, gerade auf dem Zweitmarkt. Der Grund dafür ist relativ einfach: Neben einer stimmigen Ästhetik bieten die Top 3 bis Top 5 einen verlässlichen sozialen Nutzen für den Kunden. Schließlich entsteht ein Großteil des Wertes einer Uhr erst im zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Diskurs. Das kann man nicht einfach kopieren, sondern sich nur beharrlich und mit viel Geduld in diesen Olymp vorarbeiten.

Welche Marke ist Ihr derzeitiger Geheimtipp?

Ich persönlich sehe derzeit (und langfristig) das größte Potenzial bei gebrauchten Modellen kleiner, unabhängiger Schweizer Uhrenmarken, wie Urwerk, MB&F oder Greubel Forsey. Die sind in höchstem Maße innovativ und produzieren wahre technische Kunstwerke.

Welches Modell steht auf Ihrer „Jagdliste“ ganz oben?

Ich suche gerade einen Schleppzeiger-Chronograph mit roten Zeigern von Patek Philippe, die sehr seltene Referenz 5951P. Außerdem fahnden wir bei Auparo für einen Kunden schon länger nach der Referenz 5208, einer Uhr aus der „Grandes Complications“-Kollektion von Patek Philippe, deren Werk stolze 719 Einzelteile zählt.