Interview„Patek Philippe kann man nicht imitieren“

Grandmaster Chime
Für das Jubiläum baute Patek Philippe in siebenjähriger Entwicklungsarbeit die „Grandmaster Chime Kaliber 300“. „Die komplizierteste Armbanduhr der Welt“, so der Hersteller. Es gibt nur sieben Stück davon, sie kostet 2,5 Mio. Schweizer Franken

Thierry Stern führt seit 2009 Patek Philippe, eines der letzten unabhängigen Familienunternehmen. Die Uhren gehören zu den besten und teuersten der Branche. In diesem Jahr feierte Patek Philippe in Genf 175. Jubiläum


Capital: Herr Stern, Patek Philippe hat gerade mit großem Aufwand sein 175. Jubiläum gefeiert. Wenn Sie innehalten: Welche Eigenschaften braucht Ihr Unternehmen für die kommenden 175 Jahre?

Stern: Das Wichtigste war und ist für uns die Unabhängigkeit. Nur so konnten wir eine langfristige Strategie entwickeln und die DNA der Marke bewahren. Das ist der Schlüssel für unseren Erfolg, weil die Botschaft an unseren Kunden klar ist. Im Grunde hat sich der Kern unserer Strategie seit 175 Jahren nicht verändert: Wir wollen die besten Uhren der Welt machen. Wir haben unsere Marke nie benutzt, um etwa Sonnenbrillen zu verkaufen. Patek Philippe, das ist kein Business, das ist eine Leidenschaft. Zweitens, wir wollten immer unseren Vertrieb kontrollieren. Wir wollen die Marken rund um den Globus führen und gestalten, ohne dass uns irgendwelche Manager in Ländern reinreden, welche Farben oder Modelle sie für ihren Markt für wichtig halten. Der dritte Faktor ist Evolution. Wenn Du dich nicht entwickelst, stirbst du. Also haben wir immer stark investiert.

Was bedeutet Unabhängigkeit für Ihre Investitionen?

Wir sind 1996 mit unserer Manufaktur hier nach Plan-les-Ouates in Genf umgezogen, um alle Abteilungen unter einem Dach zu vereinen. Hätten wir das nicht gemacht, würden wir nicht die Uhren produzieren, die wir heute herstellen. Eine gute Maschine kostet heute 1 Mio. Schweizer Franken, das ist viel Geld, und man muss bereit sein, dass Geld zu investieren, anstatt es an Aktionäre auszuschütten, damit sie es in einer Garage voller Ferraris anlegen. Das ist eine der wichtigsten Lektionen, die ich von meinem Vater gelernt habe. Er lehrte mich außerdem, dass man immer genügend Reserven haben muss, um Krisen zu überstehen. Die haben wir ja immer wieder erlebt – und wir werden neue Krisen erleben.

Was wäre denn passiert, wenn Ihre Marke in einer Holding aufgeht? Man kann ja trotzdem noch gute Uhren herstellen.

Dann wäre Patek Philippe heute nichts, da bin ich mir sicher. Nehmen Sie eine Uhr wie die Star Caliber mit ihren 21 Komplikationen, die hat zehn Jahre gedauert, um sie zu entwickeln. Oder unsere Jubiläumsuhr, die Grandmaster Chime, von der es nur sieben Stück gibt und an der wir sieben Jahre gearbeitet haben. Die Energie und das Geld, die nötig waren, hätte niemand innerhalb einer Markengruppe in eine Uhr gesteckt. Niemand. Das ist der Unterschied. Denn auf diesem Prestige, dieser Gründlichkeit bauen wir unsere Zukunft.

Patek-Philippe-Film über die Entstehung der Jubiläumsuhr



Sie sprechen viel von Tradition, Herkunft und Qualität. Das tun inzwischen viele Marken. Wir unterscheidet man sich heute auch als Patek Philippe in diesem Markt, der überfüllt ist von „Manufakturen“?

Das ist einfach. Die einen nutzen es als Werkzeug im Marketing, für uns ist das Family Business. Andere sagen, sie existieren seit 1870, haben aber fünf Jahrzehnte gar keine Uhren hergestellt. Wir müssen das nicht erzählen, wir sind es einfach. Und wir stellen es immer wieder unter Beweis. Herkunft hat nur dann eine Bedeutung, wenn man sie lebt und nutzt. Wir nutzen unsere jahrzehntelange Erfahrung, die Aufzeichnungen in den Archiven, die Techniken der Vergangenheit. Dabei geht es nicht immer nur um Patek Philippe, sondern auch um die Händler, ihren Geist und ihre Tradition – wir können verstehen, wie ein Unternehmen wie Tiffany, das es seit 1837 gibt, tickt.

Kann man diese Werte nicht lernen oder nachahmen?

Sie glauben gar nicht, wie oft Leute aus fremden Personalabteilungen mich gefragt haben: Wie managen Sie Ihre Werte? Wie kann ich die implementieren? Sie denken, sie können uns imitieren. Ich sage denen: Sie können unsere Werte nicht implementieren, denn die kommen aus unserer Familie, aus unserer Erziehung. Das Wort „Herkunft“ ist also nicht nur ein Schlagwort auf einem PR-Papier, es bedeutet hier etwas. Es ist real und konkret. Nicht, weil wir Genies sind. Sondern auch, weil wir Fehler gemacht haben und aus denen gelernt haben, damit wir sie nicht wieder machen. Herkunft ist wie eine Lehre, die jede Generation aufs Neue absolvieren muss.

Wie stellen Sie sicher, dass der Kunde das auch schätzt?

Das ist nicht einfach. Man muss es den Kunden, den Händlern, auf Messen oder anderen Veranstaltungen, wie bei unserer Jubiläumsfeier, immer wieder erzählen. Der Vertrieb ist wichtig, wir müssen eng mit den Händlern zusammenarbeiten und ihnen unsere Werte deutlich machen. Denn der Handel ist es schließlich, der es dem Endkunden erklären muss. Es reicht nicht zu sagen, dass Patek Philippe die besten Uhren macht.