Interview „Chopard saß immer mit beim Abendbrot“

Karl-Friedrich Scheufele führt mit seiner Schwester Caroline das Unternehmen Chopard. Sein Vater kaufte den Hersteller in den 60er-Jahren
Karl-Friedrich Scheufele führt mit seiner Schwester Caroline das Unternehmen Chopard. Sein Vater kaufte den Hersteller in den 60er-Jahren
Der Schweizer Uhren- und Schmuckhersteller Chopard wird als einer der letzten von einer Familie geführt – die aus Pforzheim stammt. Capital sprach mit Karl-Friedrich Scheufele über das Abklingen der Uhrenkrise und die Gründe für die Erholung

Herr Scheufele, die Uhrenbranche sendet nach der Krise neue Lebenszeichen. Immer mehr Hersteller melden deutliche Zuwächse. Spürt auch Chopard ein Comeback?

Dieses Jahr entwickelt sich eindeutig besser als das vergangene , aber es ist noch zu früh, „Hurra“ zu schreien. Nach den Einbrüchen der vergangenen zwei Jahre erleben wir einen Wachstumstrend, aber er hält sich in Grenzen – was auch besser ist. Denn zu starke Ausschläge sind ja nie gesund. Das Geschäft war verführend einfach geworden, alle sind auf der Welle mitgesurft.

Einer der Gründe für den Einbruch war China – die Nachfrage brach mit der Anti-Korruptionskampagne ein. Kehren die Chinesen nun zurück?

Hommage ans Winzer-Hobby: Die „L.U.C Heritage Grand Cru“ ist inspiriert von einem Weinfass
Die „L.U.C Heritage Grand Cru“ ist inspiriert von einem Weinfass

Ja, wir spüren den Trend auch. Aber jenseits von China müht sich unsere Branche nun, preislich wieder interessante Modelle auf den Markt zu bringen. Die waren in einigen Kollektionen fast verschwunden. Es wird wieder mehr Modelle im Bereich 5000 bis 15.000 Euro geben.

Im Horrorjahr 2016 schrumpfte Chopards Umsatz um fünf Prozent – was erwarten Sie für 2017?

Ich rechne mit einem Wachstum von knapp unter zehn Prozent.

Was ein deutliches Plus ist. Sind Sie nun wieder über 800 Mio. Umsatz?

Wir publizieren keine Zahlen.

Aber einige davon kursieren …

Es kursieren interessanterweise Zahlen von 500 bis 800 Mio. Wir sind näher an den 800 und weit entfernt von 500. Für mich ist es ein Privileg einer familiengeführten Firma, dass ich nicht jedes Quartal meine Zahlen publizieren muss.

Wenn es jetzt langsam bergauf geht – was erwarten Sie für 2018?

Die Branche hat die Schwierigkeiten der letzten Jahre verdaut – ich denke, 2018 kann ein gutes Jahr werden, noch besser als 2017. Wenn nicht ein großer politischer Schock dazwischenkommt.

Bleibt als Sorgenthema nur noch die leidige Smartwatch …

Die Smartwatch ist ein Produkt der Elektroindustrie geworden, mit den Gesetzen der Branche, dass alle zwei Jahre ein neues Modell gekauft werden muss. Die Smartwatch kann man mit mechanischen Zeitmessern nicht vergleichen. Ich zumindest kenne keinen, der eine Apple Watch für seine Sammlung kauft.

Wollen Ihre eigenen Kinder nicht auch lieber eine Apple Watch?

Ich habe meinem Sohn angeboten, eine zu kaufen. Ich wollte wissen, was er davon hält. Er sagte: Die brauche ich nicht, der Bildschirm ist zu klein. Als er 15 war, hatte ich ihm mal eine Tissot kaufen wollen. Er aber wollte warten, bis er eine Uhr von Chopard tragen kann. Das finde ich gut: Man kauft sich die erste mechanische Uhr, wenn man den ersten Erfolg hat.

Was haben Sie sich bei Ihrem ersten Erfolg gekauft?

Einen Porsche 356, der sich aber als Wrack herausgestellt hat. Ich war um die 25 und hatte nicht genug Geld, ihn restaurieren zu lassen. Dann habe ich ihn schweren Herzens wieder verkauft. Danach habe ich mir noch mal einen Porsche gekauft. Heute sind Autos meine große Leidenschaft.

Schmuck im Blut: die Geschwister Caroline und Karl-Friedrich Scheufele
Schmuck im Blut: die Geschwister Caroline und Karl-Friedrich Scheufele

Sie sprachen vorhin über die Vorteile eines Familienunternehmens – von denen gibt es in der Uhrenbranche ja nicht mehr so viele. Das Besondere bei Chopard ist, dass die Firma von Bruder und Schwester geführt wird. Was ist das Erfolgsgeheimnis einer solchen Konstellation?

Kommunikation und eine klare, komplementäre Arbeitsteilung. Meine Schwester kümmert sich um den Schmuck, ich um die Uhren, die etwa 60 Prozent zum Umsatz beitragen. Zusätzlich sind meine Eltern und meine Frau auch in der Firma aktiv.

Gute Kommunikation ist vermutlich für jede Firma wichtig, auch wenn sie von Vater und Sohn oder Tochter geführt wird. Redet man mit einer Schwester nicht anders?

Nein. Allerdings gibt es keinen Generationskonflikt. Bei Eltern und Kindern gibt es manchmal Differenzen in Bezug auf neue Wege oder Innovationen. Wenn man über E-Commerce oder IT redet, da sind sie einfach zurückhaltender. Mit einer Schwester ist man eher auf einer Ebene und Augenhöhe.

Und wenn Sie mit Ihrer Schwester doch mal nicht einer Meinung sind, wie regeln Sie das?

Dann sprechen wir so schnell wie möglich. Man darf Konflikte nie auf die lange Bank schieben.

Sie brauchen vor allem Ausdauer, Fleiß, Arbeit, Ideen und Leidenschaft, sich einer Sache gemeinsam über Jahrzehnte zu verschreiben.
Karl-Friedrich Scheufele

Wenn Sie nicht zusammenkommen – wer entscheidet denn dann?

Wir haben vier Mitglieder im Familienrat – da kommt immer eine Mehrheit zustande.

Auch bei einem 2:2?

Das kommt höchst selten vor.

Der Aufstieg von Chopard ist eine ungewöhnliche Geschichte – eine deutsche Familie aus Pforzheim kauft eine Schweizer Marke und macht aus ihr eine der bekanntesten Luxusmarken. Was war eigentlich das Erfolgsrezept?

Ein einfaches Rezept, das man in ein paar Lektionen packt, gibt es nicht, noch nicht mal ein kompliziertes. Aber die hauptsächlichen Zutaten sind klar: Sie brauchen vor allem Ausdauer, Fleiß, Arbeit, Ideen und Leidenschaft, sich einer Sache gemeinsam über Jahrzehnte zu verschreiben. Wir kommen aus dem Schwabenland und haben den Aufbau von Chopard mit Bedacht vorangetrieben, immer auf die Finanzen geachtet und uns nie überschätzt. Nie die Bodenhaftung verlieren – das habe ich bereits als Kind beigebracht bekommen.

War die Firma in Ihrer Kindheit sehr präsent?

Ja, wir sind in der Firma groß geworden, hatten dort sogar als Kinder unsere Spielecken. Als Vater habe ich versucht, das auch zu trennen. Meine Kinder haben Strafpunkte verteilt, wenn Chopard sich abends „an den Tisch gesetzt hat“. Ich musste fünf Franken zahlen, wenn ich Chopard angesprochen habe. Besonders meiner Tochter war das wichtig, sie sagte dann: „Heute Abend ist Chopard nicht eingeladen.“ So haben meine Kinder ihr Taschengeld aufgebessert.

Konnten Sie das verstehen?

Natürlich. Es muss Abende geben, an denen nicht über die Firma gesprochen wird. Zumal in meiner Kindheit Chopard dauernd mit am Abendbrottisch saß. Allerdings konnte ich so einiges aufschnappen, was diese Marke braucht. Schon früh wurde mir klar, dass dies kein Nine-to-five-Job ist. Die Firma muss man den ganzen Tag leben.

Erinnern Sie eine Szene von früher, in der das deutlich wird?

Ich habe schon in jungen Jahren ganze Nachmittage in der Firma verbracht und mit ausrangierten Uhrenteilen Collagen, oft in Autoform, gebaut – so habe ich mich selbst ein wenig an die Uhren geführt. Das hat Spaß gemacht.

Die Entscheidung, in die Firma einzutreten, kam aus freien Stücken?

Ja, das war mein großer Wunsch, wobei anfangs vor allem der künstlerische Aspekt für mich im Vordergrund stand. Und der Job bei Chopard ermöglichte es mir, zu reisen und die Welt kennenzulernen.

Gilt diese Freiheit, sich für oder gegen die Arbeit bei Chopard zu entscheiden, auch für Ihre Kinder?

Ja, keiner wird gezwungen. Natürlich haben wir versucht, ihnen das Thema schmackhaft zu machen. Alle haben Schnupperpraktika gemacht und zumindest Interesse bekundet. Für eine solche Firma muss man auch bestimmte Qualitäten mitbringen. Unser Sohn hat erst mal die Hotelfachschule angefangen, das ist eine interessante Ausbildung, um Dienstleistung zu lernen. Das ist für uns wichtig, wir betreiben ja fast 70 eigene Boutiquen weltweit.

Die Nachfolgeregelung ist nie einfach, in diesem Jahr sind in der Uhrenbranche wieder Familienunternehmen verkauft worden, darunter Breitling …

… ja, das habe ich sehr bedauert. Ein Familienmitglied wollte aussteigen, da hatte das andere keine Wahl. Wir werden versuchen, unsere familiäre Struktur aufrechtzuerhalten.

Und Sie expandieren: Sie haben mit Ferdinand Berthoud eine Luxusuhrenmarke wiederbelebt, deren Stücke über 200.000 Euro kosten. Was war Ihr Motiv?

Edle Submarke: Das Modell „FB 1.3“ von Ferdinand Berthoud ist auf 50 Exemplare limitiert
Nur 50 Exemplare: Das Modell „FB 1.3“ von Ferdinand Berthoud

Ich wollte einen sehr wichtigen und geschichtsträchtigen Uhrmacher aus dem 18. Jahrhundert wieder aufleben lassen. Wir arbeiten beim Verkauf mit nur acht Partnern zusammen, in Deutschland ist das Wempe in München. Die ersten beiden Serien sind limitiert auf je 50 Stück. Es ist eine Marke für Kenner und Sammler, für absolute Uhrenfreaks. Es ist also Luxus, wenn man nur auf den Preis schaut, aber für mich ist es vor allem Kunst – eine Hommage an diesen unglaublichen Uhrmacher.

Es gibt ja den Trend, alte Marken und Macher wieder aufleben zu lassen, Edouard Bovet etwa oder Moritz Grossmann. Warum?

Für mich war das kein Kalkül, es war die schlichte Leidenschaft für Berthoud, der hatte es mir einfach angetan. Ich besitze einige historische Modelle von ihm, seine Erfindungen faszinieren mich, er hat allein 4000 Seiten Literatur über die Uhrmacherkunst publiziert! Ich habe mich gefragt: Wie würde er heute eine Armbanduhr bauen? Berthoud hat eine Wiederauferstehung einfach verdient.

Eine andere Leidenschaft von Ihnen ist der Wein: Sie haben 2012 ein Weingut in Bergerac erworben. Wie geht es da voran?

Ich habe mir einen großen Traum erfüllt. Wir haben 20 Jahre lang gesucht, das Ganze immer wieder verschoben, und dann erfuhren wir zufällig von diesem Weingut. Ich wollte keinen bekannten Namen, sondern etwas Neues schaffen.

Das ist bestimmt zeitaufwendig …

Das ist ein Zehnjahresprojekt: Wir haben auf biodynamischen Weinbau umgestellt und neue Kellereien aufgebaut. Die vergangenen fünf Jahre waren ein richtiges Abenteuer, bei dem meine Frau und ich viel gelernt haben. Wenn Sie im Weinberg stehen und Trauben ernten, spüren Sie, was der Job bedeutet. Jetzt konzentrieren wir uns auf den Verkauf, wir produzieren etwa 80.000 Flaschen, der Durchschnittspreis beträgt 12 Euro. Wir exportieren heute bis nach China. Ich will in fünf Jahren in unserem Anbaugebiet zu den Besten gehören.

Das Interview ist in Capital 12/2017 erschienen. Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes, GooglePlay und Amazon

Mehr zum Thema

Neueste Artikel