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Western von gestern Alfred Sirven – der Mann im Zentrum der Leuna-Affäre

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© Illustration: Jindrich Novotny. Foto: MISTRAL/SIPA
Die Wirtschaft ist voller Fehden und Skandale. Capital erinnert an die spektakulärsten. Diesmal: die Leuna-Affäre

Er wisse zu viel, und mit seinem explosiven Wissen könne er die Republik 20-mal in die Luft jagen, sagte der ehemalige Topmanager des französischen Ölkonzerns Elf Aquitaine, Alfred Sirven, als er nach jahrelanger Flucht vor den Ermittlern im Jahr 2001 auf den Philippinen gefasst wurde. Dann schluckte der damals 74-Jährige vor den Augen der verdutzten Ermittler den Chip seines Handys herunter. Sirven wollte nicht so einfach verraten, mit wem er bis zuletzt telefoniert hatte.

In Deutschland erhofften sich die Ermittler von dem Franzosen Klarheit über die Umstände des berüchtigten Verkaufs der Raffinerie in Leuna und des Mineralölkonzerns Minol an Elf Aquitaine nach der Wende. In seinem Prozess erklärte Sirven, beim Kauf der Leuna-Raffinerie seien auch zwei deutsche Minister geschmiert worden. Doch er nannte keine Namen, und beweisen ließ sich der Verdacht nie. Als die Regierung Kohl 1998 die Macht verlor, fehlten im Kanzleramt einige Ordner, darunter sämtliche Leuna-Akten. Sie konnten nie wieder aufgefunden werden.

Cover der neuen Capital
Der Text stammt aus der neuen Capital

Nach Sirvens Festnahme war vor allem bei französischen Managern und Politikern Unruhe ausgebrochen. Er habe alle wichtigen Personen in der Hand, hatte Sirven bei seiner Verhaftung erklärt. Sirven war die Schlüsselfigur bei den globalen Schmiergeldgeschäften des Ölkonzerns Elf Aquitaine. Er hatte von 1989 bis 1993 im Dienste des ehemals staatlichen Unternehmens illegale Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe in aller Welt eingefädelt. Sein damaliger Titel: „Direktor für allgemeine Angelegenheiten“. Sirven saß an den Schalthebeln eines globalen Schattennetzes, mit dem sich der Konzern Einfluss und Ölfelder sicherte. Die Methoden waren nicht zimperlich, reichten bis zu politischen Umsturzversuchen in Afrika. Und es ist mehr als eine Vermutung, dass Elf Aquitaine auch als verlängerter Arm der französischen Außenpolitik eingesetzt wurde.

Sirven jedoch gab wenig preis von seinem Wissen. Schon nach drei Jahren konnte er gegen Kaution das Gefängnis verlassen. Schnell heiratete er seine rund 30 Jahre jüngere Lebensgefährtin. Noch bevor ein Berufungsgericht das letzte Urteil über ihn sprechen konnte, starb Sirven – und nahm viele Geheimnisse zur Leuna-Affäre mit ins Grab.

Hauptperson

Alfred Sirven wurde 1927 in Frankreich geboren, schloss sich als 17-Jähriger der Résistance an und war als Soldat in Japan stationiert. Nach dem Krieg machte er in diversen Konzernen Karriere und wurde 1989 zum zweitmächtigsten Mann von Elf Aquitaine. Als Schlüsselfigur der Korruptionsaffäre floh Sirven 1997 auf die Philippinen, wo er 2001 festgenommen, an Frankreich ausgeliefert und zu fünf Jahren Haft verurteilt wurde. Im Mai 2004 kam er wieder frei und starb Anfang 2005 im Alter von 78 Jahren an Herzversagen.

Weitere Folge von Western von gestern: Die Börse auf Beutezug, Die Herstatt-Pleite, Der Worldcom-Skandal und Blackwater-Gründer Erik Prince.

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